Wer heute die evangelisch-lutherische Kirche St. Thomas in Straßburg betritt, darf sich von dem monumentalen Grabmal beeindrucken lassen, das in der Hauptachse der Kirche im Chor den zentralen Platz einnimmt und die gesamte Arkade füllt. Das Gedenken an den Marschall von Sachsen besetzt damit den Platz, der in den katholischen Kirchen dem Altarretabel gehörte. In protestantischen Kirchen war das nicht so selten, man darf an das Grabmal des hessischen Landgrafen Philipp und seiner Gemahlin Christina von Sachsen denken. In der Kasseler Martinskirche nahm es eben denselben Platz ein, bis es in der Nachkriegszeit auf Drängen der Gemeinde ins Langhaus versetzt wurde. Man könnte also meinen, dass in Straßburg wenigstens einmal eine 'grande machine' - so ein zeitgenössischer Begriff für derartige Aufbauten - einigermaßen unversehrt die Zeitläufte überstanden habe. Allerdings ist auch da die Situation verändert: Damit das Licht hauptsächlich von vorne auf das Monument fiel, waren die seitlichen Fenster des Chors zugemauert worden. Sie sind jetzt wieder verglast.
Von den drei Grabmälern, die Wiebke Windorf in ihrem recht großformatigen und mit zahlreichen hervorragenden Abbildungen versehenen Buch behandelt, lässt sich dennoch in Straßburg die intendierte Wirkung am besten nachvollziehen. Es geht zuerst um Überwältigung, in zweiter Linie um den Nachvollzug des Konzepts, der Erzählung vom Leben, Sterben und schließlich um den Nachruhm des Helden.
Das Buch, das auf eine Habilitationsschrift an der Universität Düsseldorf zurückgeht, gilt den drei Aufträgen Ludwigs XV., mit denen der französische König Persönlichkeiten von großem Verdienst ehren wollte. Denkmäler unter freiem Himmel blieben so weiter ein Privileg des Herrschers selbst. Es handelt sich um das Grabmal für den Kardinal André-Hercule de Fleury, das in St. Louis-du-Louvre aufgestellt werden sollte. Fleury (1653-1743) war Erzieher des Königs und Prinzipalminister gewesen. Als Bildhauer wurde Edme Bouchardon gewonnen; die Ausführung des Monuments, von dem neben schriftlichen Quellen zwei Modelle aus Wachs und Holz (Louvre) zeugen, unterblieb. Des Weiteren finanzierte der König das schon genannte Grabmal für den Marschall Moritz von Sachsen (1696-1750). Der Protestant konnte nicht in einer katholischen Kirche begraben sein, so dass er seine letzte Ruhestätte 1776 in St. Thomas in Straßburg fand. Bildhauer war Jean-Baptiste Pigalle. Und zuletzt geht es um das Doppelgrabmal für den Dauphin Louis-Ferdinand de Bourbon (1729-1765) und die Dauphine Maria Josepha von Sachsen (1731-1767) von Guillaume Coustou d. J., das 1777 im Chor der Kathedrale von Sens platziert wurde. Es befindet sich heute in einer der Chorkapellen und ist dort schlecht sichtbar.
Die überaus sorgfältige monographische Untersuchung der Monumente und deren Entstehungsgeschichte wird eingerahmt von einer Einleitung mit Forschungsüberblick und Darlegung der Untersuchungsziele, einem Kapitel, das die Positionen der 'philosophes' zu Fragen von Kunst, Religion und Tod schildert, sowie einer knapp gehaltenen Zusammenfassung. Die Auswahl der drei Monumente aus der Fülle an Grabmälern im Frankreich des 18. Jahrhunderts begründet sich nicht nur in deren Dimension, sondern vor allem in deren Prominenz im zeitgenössischen Diskurs sowie dem Auftraggeber und dessen Administration, die die drei Werke über den langen Zeitraum von mehr als 20 Jahren gemeinsam haben. Denn so kann Wiebke Windorf der Frage nach der Rolle des Königs, dem die definitive Entscheidung über Programm, Struktur und Bildhauer gehörte, nachgehen. Um das Ergebnis gleich zu nennen: Louis XV entpuppt sich als Auftraggeber, der jeweils die avancierteste Variante auswählte.
Aus (nahezu) allen verfügbaren Zeugnissen wird der teils langwierige Prozess, der zur Entstehung der mehrfigurigen Grabmonumente führte, rekonstruiert. Ziel ist es zu zeigen, "dass im Rahmen des Entwurfs- und Verhandlungsprozesses unter Mitwirkung einer Reihe unterschiedlicher Personen, unter ihnen zuallererst die Künstler, Bildlösungen als konzentrierte Konstruktionen aktueller, vor allem von den philosophes geführter Diskurse generiert wurden, die diese in ihrer komplexen narrativen visuellen Wirkmächtigkeit [...] verdichten und verhandeln konnten" (12, 17).
Die Quellen setzen dieser Untersuchung je nach Objekt unterschiedliche Grenzen: Im Fall des Fleury-Grabmals, dessen Bildhauer durch einen Wettbewerb gewonnen werden sollte, stehen ausführliche Beschreibungen der Entwürfe (Modelle) im livret des Salons und eine umfassende Salonkritik zur Verfügung. Jedoch ist nur Bouchardons Werk in zwei Modellen überliefert, die zudem noch fragmentiert sind. Trotzdem gelingt Wiebke Windorf eine überzeugende Analyse. Vor allem für das erste Modell kann sie zeigen, was die Verbildlichung eines Konzepts im Medium der Skulptur meint: Die eigentümliche Wendung des am Betpult knienden Kardinals erzählt den Augenblick des Übergangs vom Leben zum Tod, in dem Fleury sich vom Genius Frankreichs und damit von seinen weltlichen Aufgaben weg der Figur der Religion zuwendet.
Nur am Beispiel des Grabmals im Chor der Kathedrale von Sens seien hier die Vorzüge, aber auch die Lücken der Untersuchung aufgezeigt. Bisher hat man die Rolle von Denis Diderot bei der Konzeption des Werks, das nach dem Wunsch der Dauphine die 'réunion des époux' manifestieren sollte, wohl über Gebühr betont. Wiebke Windorf hebt stattdessen die Rolle des Bildhauers hervor. Guillaume Coustou d. J. fand für das komplexe Konzept, das vier allegorische Figuren, zahlreiche Attribute, zwei Urnen und Inschriften vorsah, die Lösung, die die vier Ansichten des frei aufgestellten Werks in eine Narration verbindet. Schade, dass Wiebke Windorf zur Verstärkung ihres Arguments den Pigalle zugeschriebenen Bozzetto (Louvre) beiseitelässt, der eine Alternative in der Auseinandersetzung mit Diderots Ideen darbietet. Das hätte ihre Argumente zusätzlich stützen oder wenigstens die Perspektive auf die Vorgehensweise des Konkurrenten eröffnen können.
Nur weniges verwundert oder stört: Methodisch scheint es der Rezensentin problematisch, für die nur in Schriftquellen dokumentierten Eigenschaften der Figuren visuelle Vergleichsmöglichkeiten anzubieten, die der Rekonstruktion aufhelfen sollen. Ganz bestimmt ist die Kopfwendung des Marschalls von Sachsen, die Pigalle zunächst vorschlug und die der König ablehnte, nicht sinnvoll mit der heftigen Kopfwendung Attilas, der vor dem himmlischen Beistand des christlichen Heeres zurückschreckt, bei Algardi zu vergleichen. Die Fokussierung auf die Diskurse um die 'philosophes' sorgt für Stringenz in der Argumentation. Dennoch hätte sich die Rezensentin ein wenig mehr Aufmerksamkeit für die historischen Bedingungen des Zugangs zu den Werken gewünscht: Insbesondere wird die Zugänglichkeit des im Chor eingeschlossenen Grabmals in Sens samt der Rolle des Kathedralkapitels, das zu den geistlichen Tagzeiten der hauptsächliche Adressat der Inschriften war, nicht zum Thema gemacht. Bedauerlich auch, dass bei dem vollkommen richtigen Insistieren auf der paritätischen Thematisierung von Dauphin und Dauphine am Grabmal ausgerechnet die Inschrift für die Kronprinzessin nur gekürzt zitiert wird.
Insgesamt durchzieht den Band eine kluge Strategie, durch gezielt gesetzte Zusammenfassungen, Verweise und Wiederholungen auch partielle Lektüren zu ermöglichen. Es ist zu wünschen, dass das Buch die Forschung zur französischen Skulptur des 18. Jahrhunderts wieder belebt.
Wiebke Windorf: Tod, Unsterblichkeit und die Nachwelt. Das königliche Grabmonument Frankreichs als Ort des Diskurses in der Aufklärung, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2024, 288 S., zahlreiche Farbabb., ISBN 978-3-7319-1382-5, EUR 69,00
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