Obschon der Großvater des Rezensenten aus der zuckerrübenreichen Landwirtschaft der Börderegion Braunschweig-Magdeburg stammte und damit ein überdurchschnittliches Interesse am neuen Buch von Manfred Grieger bestand, konnte die Lektüre nicht in allen Teilen überzeugen. Das liegt keinesfalls an der ausgesprochen umfangreichen Rechercheleistung, die hervorzuheben ist. Die Korrespondenzen, Berichte und Notizen zahlreicher Akteure an mehr als zwanzig Standorten der 1926 in Südwestdeutschland zusammengeschlossenen und 1934 nach Schlesien expandierten Süddeutsche Zucker-AG auszuwerten, dürfte nicht einfach gewesen sein. Die in der Materialbasis reflektierte Standortpluralität ist es auch, die Griegers Ansatz unterfüttern soll. Sie erlaube das Studium der Mikroebene der einzelnen Zuckerfabriken und die "Einordnung von Entwicklungen" (8), die Manfred Pohls ältere Studie habe vermissen lassen. [1] Darüber hinaus stehen die üblichen Aspekte einer NS-Aufarbeitungsgeschichte im Zentrum, was auch in der Unternehmenskommunikation der heutigen, im Jahr 2000 der Entschädigungsstiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft beigetretenen Südzucker aufgegriffen wird. [2]
Das Buch zeichnet ein detailreiches Bild des damals wie heute marktführenden Unternehmens in den 1930er und 1940er Jahren, wobei sich gut die Hälfte des Texts der Kriegs- und Nachkriegszeit widmet. Zuckerfans dürften zwar technisch-agrarwirtschaftliche Zusammenhänge vermissen, dagegen wird etwa das Herausdrängen der jüdischen Führungspersönlichkeiten bis 1937 und der Ausstieg der vorigen Mehrheitsaktionäre - der italienischen Montesi-Gruppe - aus dem von der Deutschen Bank geführten Südzucker-Konsortium sorgfältig rekonstruiert. Die Anteile des Vorstandsmitglieds Albert (im Index falsch "Alfred") Flegenheimer gingen nach kompliziertem Verkaufsprozess an die Zuckerfabrik Klein-Wanzleben, die damit zur Großaktionärin aufstieg. Dabei attestiert Grieger kein "unmittelbares Raubinteresse" (104), sondern eine "Ausnutzung des Staatsrassismus" (108) zur Konsolidierung der Besitzverhältnisse sowie persönliche Vorbehalte der Führungsebene.
Auch die akribische Dokumentation der Zwangsarbeitsfrage ist bei Griegers Expertise zu erwarten. [3] Für die jährlich von etwa September bis März stattfindende "Kampagne" (Verarbeitung der Anlieferungen) und "Nachkampagne" (Raffinierung zu Zuckerprodukten) wurden ab 1939 ohne Zögern ausländische und ganz überwiegend zwangsverpflichtete Arbeitskräfte angefordert. Ihr Anteil lag ab 1941/42 meist bei über 60 Prozent der Belegschaft. Auf angeschlossenen Gütern und Höfen, auf denen "Russen" (192) lediglich ein Sechstel des deutschen Lohns erhielten, waren mehr als 50 Prozent der Belegschaft Zwangsarbeiter - ab 1943/44 waren hier sogar Anteile von 66 bis 80 Prozent üblich. Die rassistisch hierarchisierten Behandlungsstandards verbesserten sich nur im Fall "funktionale[r] Fürsorge" (175), die als Teil eines operativen "Lern- und Gewöhnungsprozess[es]" (192) hin zu effektiverer Ausbeutung interpretiert werden kann. Diese Form der Fürsorge diente somit lediglich der fortwährenden Sicherung des Arbeits- und Produktionsprozesses.
Über die versprochenen "Besonderheiten" der Südzucker (239) - gemeint sind Saisonalität und Dezentralität - lässt sich indes wenig erfahren. Dieser Eindruck erwächst nicht zuletzt aus der dürftigen Kontextualisierung und Synthetisierung. So wird etwa nicht systematisch eingeordnet, wie sich die Saisongebundenheit auf die Rekrutierung, Bereitstellung und ständig nötige Anlernung von zwischenzeitlich neuverteilten Arbeitskräften auswirkte. Auch politische Eingriffsversuche zugunsten von Ganzjahresindustrien oder die stets außerhalb der Kampagnenzeiträume umzusetzenden Neuinvestitionen, inklusive des Baus von nur in Teilzeit genutzten Baracken, werden nicht näher analysiert.
Die dezentrale Ebene der mehr oder weniger autonomen Standorte wirft ebenfalls Fragen auf, denn ihre Beziehungen zueinander bleiben weitgehend unklar. Bei den für sich interessanten Lokalepisoden, beispielsweise zur eigenständigen Arbeitskräfterekrutierung durch Gutshofverwaltungen im Generalgouvernement, bleiben größere Deutungsversuche aus. Wie verlief politische Einmischung bei den machtgewohnten ländlichen Direktoren im Vergleich zur Zentrale? Worin lag die (betriebswirtschaftliche) Bedeutung lokaler Entscheidungshoheit, worin der Vorteil der gleichzeitig zentralisierten Marktmacht bzw. kurzer Drähte nach Berlin, auch hinsichtlich der Arbeitskräftevermittlung? Und warum war es für das in solchen Dingen erfahrene Unternehmen Südzucker laut eigener Aussage so "schwer", bei der Betreuung ukrainischer Fabriken "auf so vorgeschobenem Posten zu arbeiten" (158)? Auch die konstanten Transportschwierigkeiten sind sicherlich ein teils standortspezifisches Problem, zu dem man gerne mehr erfahren hätte.
Aus unternehmenshistorischer Perspektive werden einige Entwicklungen nur teilweise erklärt und selten in Beziehung zu wichtigen Etappen der NS-Politik gesetzt. Warum Produktion und Gewinne der Südzucker bei nahezu vollständiger Binnenmarktabhängigkeit nie einbrachen, hätte möglicherweise eine ausgiebigere Diskussion über staatlichen Reservebildungszwang ("Pflichtvorratszucker"), zu sukzessiven Erhöhungen des zum Verkauf freigegebenen Ernteanteils bei gleichzeitiger Konsumrationierung oder zur blass bleibenden Preisbildung erfordert. Auch warum die 30 Millionen Reichsmark schwere Stammkapitalverdopplung 1941 vollständig intern aufgebracht werden konnte, warum die "Kampagne" 1942/43 trotz Schwierigkeiten genügsam lief, oder warum Fabrikationskosten 1943/44 fielen bzw. die Produktivität stieg, wird nicht genauer begründet. Zweifellos mag die Überlieferungssituation häufig Antworten auf die aufgeworfenen Fragen verhindern. Das Erfolgsgeheimnis scheint für Grieger letztendlich in Ausbeutung und (wenig ausdifferenzierter) Rationalisierung zu liegen.
Neben den monierten Punkten hat der Text auch einige handwerkliche Probleme. Die vielfach lose aneinandergereihten Details erschweren den Lesefluss und lassen kaum ein Narrativ entstehen. Zudem wird die reichhaltige Bebilderung nicht in den Text eingebunden, obgleich ihre Erläuterung mitunter Sinn ergeben hätte (wie im Kapitel zur Nazifizierung, das nicht im Inhaltsverzeichnis erscheint). Insgesamt liefert Grieger viel gewissenhafte Faktenbildung. Durch ausbleibende Anreicherung des Rohmaterials ist die Monografie aber weder analytisch noch leserlich ein Genuss. Sie verdeutlicht indes fundiert, wie die Südzucker auf Vorstands- und Standortebene mit nationalsozialistischen Vorgaben konform ging und bereitwillig staatlichen Anreizen folgte, was das 2001 von Manfred Pohl gefällte Urteil "schwer durchschaubar[er]" Verhältnisse zum NS-Regime fraglos präzisiert. [4] Historiografische Mehrleistungen bleiben allerdings aus, was an den seit längerer Zeit kritisierten, zwiespältigen Wert der boomenden Auftragsforschung erinnert. [5]
Anmerkungen:
[1] Manfred Pohl: Die Geschichte der Südzucker AG. 1926-2001, München / Zürich 2001.
[2] Vgl. https://www.suedzuckergroup.com/de/unternehmen/geschichte/suedzucker-1933-1945, zuletzt aufgerufen am 20.12.2025.
[3] Hans Mommsen / Manfred Grieger: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich, Düsseldorf 1996.
[4] Pohl, Südzucker, 194.
[5] Vgl. etwa Tim Schanetzky: After the Gold Rush. Ursprünge und Wirkungen der Forschungskonjunktur "Unternehmen im Nationalsozialismus", in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 63 (2018), 7-32.
Manfred Grieger: Die Süddeutsche Zucker-AG im Nationalsozialismus. Zuckererzeugung, Nazifizierung, Zwangsarbeit, Kontinuität, Göttingen: Wallstein 2025, 260 S., 39 Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5819-5, EUR 24,00
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