sehepunkte 26 (2026), Nr. 4

Paul Erker: Die chemische Fabrik Joh. A. Benckiser im Nationalsozialismus

Während die Geschichte der Großunternehmen der chemischen Industrie in der NS-Zeit, vor allem der Interessensgemeinschaft (IG) Farben als zeitgenössisch dominantem Konzern der Branche, inzwischen als grundsätzlich gut erforscht gelten kann, ist zu den mittelständischen, oft familiengeführten Unternehmen in diesem Wirtschaftszweig vergleichsweise wenig bekannt. Hier setzt Paul Erkers als Auftragsarbeit entstandene Studie zur chemischen Fabrik Joh. A. Benckiser GmbH an, die im Untersuchungszeitraum ein von den beiden Inhaberunternehmern Albert Reimann senior und junior geführtes Familienunternehmen mit Stammsitz in Ludwigshafen und wenigen hundert Beschäftigten blieb, das organische Säuren für Ernährung, Technik und Pharmazie produzierte. Hauptprodukt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Weinsäure gewesen. Das Produktportfolio wurde ab 1916 um Zitronensäure erweitert, später gewannen dann zunehmend phosphorsaure Salze an Bedeutung, während das Unternehmen zeitweise auch auf pharmazeutische Produkte setzte.

Angesichts der dominanten Rolle der beiden Firmenpatriarchen, die das Unternehmen über zwei Generationen von den 1890er bis in die 1970er Jahre leiteten, richtet die Studie ihren Fokus nicht nur auf die Einbindung des Unternehmens in die NS-Wirtschaftsordnung und Kriegswirtschaft, sondern auch auf die beiden Unternehmerpersönlichkeiten mit ihren Einstellungen und Verhaltensweisen.

Die Monografie ist in eine Einleitung und sechs weitgehend chronologisch angelegte Kapitel unterteilt, die jeweils mehrere inhaltlich gegliederte Unterkapitel enthalten. In der Einleitung geht der Autor äußerst kritisch auf eine heute meist mit dem Scheinanglizismus Shitstorm bezeichnete Empörungsspirale in den sozialen Medien ein, die die Erben der Unternehmerfamilie Reimann traf, nachdem unter anderem die New York Times und die Bild am Sonntag recht reißerisch über die NS-Vergangenheit des Familienunternehmens berichtet hatten - wohlgemerkt als die Studie bereits in Arbeit war. Das erste Kapitel befasst sich mit den politischen Sozialisationen von Albert Reimann senior und junior, die beide bereits deutlich vor 1933 den Weg zum Nationalsozialismus fanden. Neben der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens in der Weltwirtschaftskrise wird auch dessen Wettbewerbsumfeld dargestellt, bei dem sich hinter den zeittypischen Kartellabsprachen ein erstaunliches Ausmaß an Intrigen, Ränkespiel und Geheimdiplomatie verbarg. Das zweite Kapitel widmet sich den Jahren 1933 bis 1939, die für das Unternehmen durch lukrative Erweiterungen des Produktportfolios, aber auch trotz der grundsätzlichen politischen Loyalität der beiden Unternehmer durch enervierende und die Unternehmensentwicklung hemmende Konflikte mit dem Gauleiter Josef Bürckel und der NS-Wirtschaftsbürokratie geprägt waren.

Im dritten Kapitel wird die Entwicklung Benckisers in der Kriegswirtschaft aufgezeigt, die etwa die Errichtung eines neuen Standorts in Ladenburg, die Rohstoffversorgung im besetzten Ausland sowie den zunehmend eskalierenden Konflikt mit dem Konkurrenten und Erzfeind des älteren Albert Reimann, Albert Boehringer, dessen Sohn und Nachfolger Ernst Boehringer und deren Unternehmen Boehringer Ingelheim beinhaltete. Das vierte Kapitel behandelt die Arbeitsbedingungen im Unternehmen sowie die durch den brutalen Betriebsobmann Paul Werneburg geprägte Zwangsarbeit bei Benckiser. Die Entnazifizierung der beiden politisch belasteten Unternehmer und die Entwicklungen der Nachkriegszeit werden im fünften Kapitel nachgezeichnet, während sich das letzte Kapitel neben einem Kurzabriss der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung des Familienunternehmens bis in die 1980er Jahre vor allem mit der Vergangenheitsbewältigung bei Benckiser befasst, die sich in einer von den Beteiligten selbst verfassten Chronik niederschlug.

Die Studie profitiert von einer durchweg analytisch starken und gut lesbaren Verdichtung und einer für ein mittelständisches Unternehmen äußerst hochwertigen Quellenüberlieferung. Diese umfasst nicht nur ein umfangreiches Unternehmensarchiv, in dem sich neben zeitgenössischen Originalquellen auch spätere Rückblicke der Protagonisten finden, sondern auch ein Familienarchiv, das wichtige Einblicke etwa in die private NS-Begeisterung der Inhaberfamilie gewährt, bei der die Frauen den beiden Patriarchen in nichts nachstanden. Zudem konnte neben den üblichen staatlichen, Wirtschafts- und Verbandsarchiven auch auf die Überlieferung mehrerer Konkurrenzunternehmen zurückgegriffen werden, zu denen neben dem bereits erwähnten Boehringer Ingelheim unter anderem Oetker, Henkel und die Gebrüder Giulini gehörten.

Das Werk besticht durch eine lebendige Charakterisierung der beiden Reimanns. So wird der streitsüchtige, fast querulantische Charakter Albert Reimann seniors in der geradezu obsessiven Verachtung und Geringschätzung Albert Boehringers deutlich, die sich nahtlos auf dessen Sohn und Nachfolger Ernst Boehringer übertrug und zeitweise mitten im Weltkrieg die gesamte Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie auf Trab hielt. Ebenso eindrucksvoll wird die Zwangsarbeit im Lager Dörrhorst beim Stammbetrieb in Ludwigshafen geschildert, die durch ein "regelrechtes Schreckensregime" (315) des Betriebsobmanns Paul Werneburg gekennzeichnet war, der die Zwangsarbeiter mit willkürlichen Strafen, verbalen Ausfällen und Prügel überzog und sich gegenüber den meist sehr jungen ukrainischen "Ostarbeiterinnen" auch sexueller Übergriffe schuldig machte. In der Beschreibung der zahlreichen Arbeitsunfälle im Betrieb werden die prekären Arbeitsbedingungen deutlich. Wertvoll ist auch die Aufarbeitung der im Falle von Albert Reimann junior eher durch Mythologisierung statt durch Tabuisierung gekennzeichneten, apologetischen Beschäftigung mit der Vergangenheit anhand des langen und gut dokumentierten Entstehungsprozesses der Benckiser-Chronik.

Kritisch anzumerken sind lediglich vereinzelte Ungenauigkeiten in der Darstellung. So wird etwa behauptet, Zwangsarbeiter seien überproportional von Arbeitsunfällen betroffen gewesen. Dabei wird aber weder klar, ob die 243 ausgewerteten Fälle repräsentativ waren, noch in welchem zahlenmäßigen Gesamtverhältnis deutsche Arbeiter überhaupt zu Zwangsarbeitern standen, zumal die Zahl der Zwangsarbeiter über die Jahre stark variierte, mitunter nur geschätzt war und der Autor selbst an anderer Stelle schreibt, dass "über den Umfang der Zwangsarbeiterbeschäftigung bei Benckiser genaue Zahlen fehlen und es nachträglich widersprüchliche Äußerungen gab" (283). In einem anderen Unterkapitel wird Benckiser als "verlängerter Arm der Besatzungsherrschaft gegenüber der Citrique Belge" bezeichnet (246). Aus dem Kapitel geht zwar das Verhalten Benckisers bei der Rohstoffbeschaffung gut hervor, die angesprochene Besatzungsherrschaft durch deutsche Behörden bleibt aber abseits einer nachträglichen Rechtfertigungsschrift des betroffenen belgischen Unternehmens weitestgehend im Dunkeln.

Solche kleineren, wohl durch Lücken in der ansonsten reichhaltigen Quellenüberlieferung zu erklärenden Ungenauigkeiten können den exzellenten Gesamteindruck der Studie aber nicht trüben, die auf absehbare Zeit ein unverzichtbares Standardwerk zur Geschichte mittelständischer Familienunternehmen der chemischen Industrie im Nationalsozialismus sein wird.

Rezension über:

Paul Erker: Die chemische Fabrik Joh. A. Benckiser im Nationalsozialismus, Göttingen: Wallstein 2023, 512 S., 101 z.T. Farb-Abb., ISBN 978-3-8353-5062-5, EUR 28,00

Rezension von:
Raphael Hennecke
Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Raphael Hennecke: Rezension von: Paul Erker: Die chemische Fabrik Joh. A. Benckiser im Nationalsozialismus, Göttingen: Wallstein 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/04/40229.html


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