In ihrem Buch Von einer NS-Autarkiegründung zum Exportunternehmen untersuchen Mark Spoerer und Martin Götz die Geschichte des Chemiefaserwerkes in Kelheim. Der Fokus der Untersuchung richtet sich auf drei Zeitabschnitte, die auch gleichzeitig die drei inhaltlichen Oberkapitel des Buchs bilden: die Zeit des Nationalsozialismus, des deutschen "Wirtschaftswunders" und die Geschichte des Werkes von den 1970er Jahren bis 2004 und der Gründung der Kelheim Fibres GmbH. Alle drei Kapitel unterteilen sich nochmals in mehrere Unterkapitel, wobei der Schwerpunkt der Untersuchung auf der NS-Geschichte des Chemiefaserwerkes liegt. Komplettiert wird das Buch durch eine etwa fünfseitige Einleitung und ein ebenso langes Fazit. Darüber hinaus enthält es eine Vielzahl von Abbildungen, Grafiken und Tabellen, ein Register ist hingegen nicht vorhanden.
Abseits der inhaltlichen Schwerpunktsetzung und der Länge - der Hauptteil umfasst weniger als 100 Seiten - fallen einige Besonderheiten auf. So führt die sehr knappe Einleitung zunächst in die ökonomischen Beweggründe der deutschen Kunstfaserproduktion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein, was als Ausgangspunkt für die Geschichte des Kelheimer Faserwerkes dient. Es folgt der Aufbau des Buchs und eine etwa einseitige Information zur Quellenlage, die gerade für die Zeit ab der 'Machtergreifung' bis zum Zweiten Weltkrieg von den Autoren als gut bewertet wird. Da das Kelheimer Chemiefaserwerk im Kontext der NS-Autarkiewirtschaft und der Versorgung mit heimischen Textilstoffen gegründet wurde, ist in den öffentlich zugänglichen Archiven der Schriftverkehr mit den zuständigen staatlichen Stellen dokumentiert. Für den Zeitraum nach der Gründung der Bundesrepublik wird auf interne Schriftstücke des Unternehmens zurückgegriffen, die im Unternehmensarchiv der Kelheim Fibres GmbH überliefert sind. Was hingegen völlig fehlt, sind eine Darstellung des Forschungsstands und eine konzise Fragestellung. Dadurch werden dem Leser wichtige Informationen zum aktuellen Wissensstand und der Entstehung des Buchs vorenthalten. So wird nicht herausgearbeitet, welches Erkenntnisinteresse dem Werk zugrunde liegt und unter welchen Prämissen - handelt es sich beispielsweise um eine Auftragsforschung des Unternehmens? - es entstanden ist. Das Fehlen einer Leitfragestellung bedingt auch, dass das Fazit sich in einer knappen Zusammenfassung erschöpft.
Auch die Auswahl und der Gebrauch der Abbildungen bereiten zuweilen Schwierigkeiten. Obwohl es grundsätzlich begrüßenswert ist, dass das Buch auch farbige Abbildungen aus der Unternehmenszeitschrift oder zur Veranschaulichung des Produktionskomplexes bietet, sind diese jedoch in vielen Fällen im Druck äußerst klein geraten (zum Beispiel Abbildung 7, S. 36 oder Abbildung 10, S. 44). Dies erschwert dem Leser die Zugänglichkeit, da die Details kaum zu erkennen sind und häufig Informationen aus den Abbildungen nicht im Text aufgenommen bzw. analytisch ausgewertet werden. An anderer Stelle stören sie sogar, wenn die Hälfte der Seite von einer Abbildung der Namensaktie (34) eingenommen wird. Dies führt dazu, dass der Hauptteil durch die 27, teilweise ganzseitigen Abbildungen nochmals deutlich verkürzt wird. Besser ist hingegen die Einbindung der unterschiedlichen Grafiken und Tabellen gelungen, anhand derer sich beispielsweise die Entwicklung der Produktionsmengen oder der Angestelltenzahlen nachvollziehen lassen.
Grundsätzlich bietet das Buch interessante Aspekte zur Geschichte des Kelheimer Werkes. Es handelte sich im Vergleich zu den großen Konkurrenten der Chemiefaserbranche (IG Farben, Vereinigte Glanzstoff-Fabriken, DuPont) um einen deutlich kleineren, aber regional bedeutsamen Chemiefaserproduzenten. Diese regionale Spezifität hätte eine interessante Leitfragestellung der Untersuchung sein können, um die Entwicklungen dieses "kleine[n] Industriecluster[s]" (13) herauszuarbeiten und in den historischen Kontext einzuordnen. Da die Süddeutsche Chemiefaser AG und mit ihr auch das Kelheimer Chemiefaserwerk 1972 von der Hoechst AG übernommen wurden, die "dadurch zum weltweit neuntgrößten Chemiefaserproduzent[en]" (81) aufstieg, hätte sich eine entsprechende Vergleichsfolie ergeben, da das Kelheimer Werk nun verstärkt für den Export produzierte. Nur an einzelnen Stellen werden soziale oder ökologische Fragestellungen behandelt, wenn beispielsweise die Kompensation der zum Kriegsdienst eingezogenen männlichen Belegschaft oder die vermehrten Investitionen in den Umweltschutz ab den 1970er Jahren thematisiert werden. Weitere Formen bzw. Aspekte einer Sozial- oder Kulturgeschichte kommen zu kurz. Dies gilt auch für die Einbettung wesentlicher historischer Akteure. Zwar werden die Werksleiter des Kelheimer Faserwerkes in einem biografischen Anhang vorgestellt, in der Analyse spielen ihre Biografien und ihr Einfluss auf die Unternehmensgeschichte aber fast keine Rolle.
Insgesamt bietet das Buch einen interessanten Einblick in die Geschichte des Kelheimer Faserwerkes, dessen Historie durch die verschiedenen politischen Systeme und ökonomischen Kontexte verfolgt werden kann. An vielen Stellen erschöpft sich die Erzählung allerdings in einer sehr eng gefassten Unternehmensgeschichte, der ein weiterführender analytischer Tiefgang fehlt. Hier hätte die Einbindung einer kultur-, konsum- oder stoffhistorischen Perspektive durchaus Abhilfe schaffen können, um weiteres Quellenmaterial zu erschließen und einen multiperspektiven Blickwinkel zu ermöglichen.
Mark Spoerer / Martin Götz: Von einer NS-Autarkiegründung zum Exportunternehmen. Die Entwicklung des Chemiefaserwerks in Kelheim 1935 bis 2004 (= Beiträge zur Unternehmensgeschichte; Bd. 38), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2025, 136 S., 24 Farb, 5 s/w-Abb., 13 Tbl. , ISBN 978-3-515-13777-5, EUR 49,00
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