Spiegelt sich die Transformation in Musik oder hat sie gar ein eigenes Genre hervorgebracht? Das Verbundprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung "Das mediale Erbe der DDR" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Medien zu untersuchen, "die selbst den gesellschaftlichen Wandel abbilden und ihn zugleich auf spezifische Weise vorangetrieben haben" [1]. In diesem Kontext nimmt sich Tom Koltermann des Genres ostdeutsche Rockmusik an und hat sich das Ziel gesetzt, die "Musikwirtschaft beziehungsweise speziell die dortige Formierung des Ostrocks als eine Arena der Aushandlung" (18) im Vereinigungsprozess zu beleuchten. In vier Abschnitten zeichnet er dazu die Entwicklung ostdeutscher Rockmusik mit einem Fokus auf die 1980er und 1990er Jahre nach. Er zeigt die Entwicklung des Genres und der damit verbundenen Musikbranche während der Erosionsphase der DDR, der Aushandlung des Vereinigungsprozesses und der Orientierungsphase der frühen Transformationszeit auf. Besonders zeichnet sich das Buch durch den multiperspektivischen Zugriff auf die ostdeutsche Rockszene aus. Koltermann bezieht in seine Analyse nicht nur prominente Musikschaffende selbst und ihr Publikum ein, sondern auch Zeitschriften und weniger sichtbare Akteure der Musikindustrie wie Agenturen, Labels und sowie staatliche (Regulierungs-)Institutionen wie das Ministerium für Kultur.
Im ersten Teil des Buches stellt Koltermann - mit einem Begriff von Michael Rauhut [2] - die "Grauzone DDR-Rock" dar (109). Im Fokus stehen dabei die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen staatlichem System und Musikszene. Auf der einen Seite werden dabei staatliche Regulierungen wie die Ausbildungs- und Lizensierungspflichten für Musikschaffende als durchaus hemmende Faktoren für den Zugang zum Musikmarkt und die künstlerische Freiheit herausgearbeitet. In der Folge richteten sich weite Teile der Populärmusikszene an staatlich vorgegebenen Deutungsrahmen aus, um Repressionen zu entgehen. Als wichtiges Deutungsinstrument kann Koltermann dabei das von Thomas Lindenberger entwickelte Konzept des (bröckelnden) "Minimalkonsens" [3] zwischen Regierung und Bevölkerung auf die Musikszene beziehen. Auf der anderen Seite macht er deutlich, dass die SED-Regierung durchaus auf die Kooperation prominenter Szenegrößen angewiesen war. Die Mitglieder dieser Bands konnten diesen Umstand für sich nutzen, um sowohl materielle Privilegien als auch Reisefreiheit für sich zu erwirken.
Die erste Hälfte des Buches bietet damit einen detaillierten Überblick über die Produktionskontexte des DDR-Rocks, die Koltermann engmaschig und mit einem guten Gespür für die gesellschaftliche und institutionelle Befindlichkeiten der Zeit rekonstruiert. Durch den schieren inhaltlichen Umfang der hier auf knapp zweihundert Seiten dargestellten Zusammenhänge, bleibt die Darstellung häufig auf einem hohen Abstraktionsniveau. Die eindrücklichen Fallstudien des illegalen Instrumentenhandels oder auch der musikalischen Verhandlung von Normvorstellungen zu Gender und Sexualität helfen daher ungemein, um die komplexen Zusammenhänge greifbar zu machen.
Die zweite Hälfte des Buches nimmt den Aufbruch des Ostrocks in die neue Bundesrepublik in Augenschein. Koltermann zeigt auf, wie die enge Verschränkung zwischen Regierung und den teilweise als "Unterhaltungsbeamte" (57) verspotteten Musikern von Top-Bands wie den Puhdys und Karat zu einer Neujustierung der kompletten Rockmusikszene in der "Wiedervereinigungsgesellschaft" [4] führte. Die Privilegien der Szenegrößen in der DDR sowie die IM-Tätigkeit einiger bekannter Musiker wurden zu zentralen "Kritikmomente[n] in der Transformationszeit" (188).
Koltermanns Analyse der 1990er Jahre widmet sich der Neuausrichtung wichtiger Akteure der Musikproduktion und -berichterstattung sowie der Gründung neuer ostdeutscher Unternehmen in diesem Bereich. Im Fokus stehen dabei die veränderte Konkurrenzsituation und der Anpassungsdruck an die westdeutsche Marktwirtschaft. Dabei greifen Koltermanns Befunde beispielsweise auch den Diskurs um eine (fehlende) ostdeutsche Medienöffentlichkeit auf. Ergänzt werden diese Überlegungen durch detaillierte Auseinandersetzungen mit den künstlerischen Vermarktungsstrategien ostdeutscher Bands. Anhand der musikalischen und lyrischen Ausdrucksformen auf der einen Seite und der Inszenierung von Live-Auftritten auf der anderen Seite, zeichnet Koltermann nach, wie die Bands versuchten sich unter den neuen Bedingungen erfolgreich zu positionieren.
Es gelingt es Koltermann durch den Fokus auf institutionelle und unternehmensgeschichtliche Dimensionen die strukturellen Rahmenbedingungen nachzuzeichnen, unter denen sich die ostdeutsche Musikproduktion neu organisieren musste. Innerhalb dieses Gefüges verdeutlicht er zudem den Aushandlungsprozess der Frage, welche ästhetischen und thematischen Angebote beim Publikum unter diesen veränderten Bedingungen Resonanz fanden. Dadurch wird der Balanceakt zwischen ostdeutschen musikalischen Traditionen einerseits und westdeutschen Einflüssen andererseits deutlich. Besonders gelungen ist die konkrete Auseinandersetzung mit den Songtexten, die als zentrale Strategie im Umgang mit den veränderten Markt- und Erwartungsstrukturen ernstgenommen werden. Allerdings bleiben diese textanalytischen Passagen bisweilen fragmentarisch. Eine stärker vertiefte Analyse hätte ihnen zusätzliche Überzeugungskraft verleihen können. Gleichzeigt ermöglicht Koltermanns pointierte Auswahl jedoch auch einen weiten Blickwinkel auf das Forschungsfeld. Diese große Varianz erlaubt es ihm, die Deutungsräume der Nachwendezeit facettenreich herauszuarbeiten.
Koltermann setzt immer wieder institutionell-personale Produktionsbedingungen einerseits und künstlerisch-mediale Produkte andererseits miteinander in Beziehung. Dadurch erhält seine Geschichte der Rockmusik im Osten eine hohe Tiefenschärfe, denn die Arbeit lebt von ihrem umfangreichen und vielseitigen methodischen Zugriff. Sie bleibt so nicht auf dem Niveau einer chronologischen Aktennacherzählung, sondern kontrastiert diese Quellen mit musikalischen und visuellen Analysen. Gleichzeitig wirkt die Beschreibung durch diesen dualen Zugriff stellenweise fast zu dicht und hätte von einer sprachlichen Entschleunigung profitieren können. Diese hohe Dichte hängt zum Teil auch mit der Entscheidung zusammen, die jeweiligen thematischen Schwerpunkte der Kapitel mit kontrastiven Beispielen vieler unterschiedlicher Musikgruppen zu untermalen, statt die Erzählung stärker in Fallstudien zu einzelnen Bands zu bündeln. Das lässt sich angesichts der detaillierten und stets differenzierten Analyse jedoch verschmerzen, in der Koltermann den Ostrock als vielschichtiges Identitätsangebot zwischen Nostalgie und Aufbruch lebendig werden lässt.
Anmerkungen:
[1] Bundesstiftung Aufarbeitung. Das mediale Erbe der DDR. Akteure, Aneignung, Tradierung. Abschlusstagung des Forschungsverbundes. Online: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/veranstaltungen/das-mediale-erbe-der-ddr-2025 [letzter Zugriff: 28.02.2026].
[2] Michael Rauhut: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 - Politik und Alltag, Berlin 1993. Rauhut verwendete wiederum den Namen einer Band aus der Schweiz.
[3] Thomas Lindenberger: Tacit Minimal Consensus. The Always Precarious East German Dictatorship, in: Paul Corner (ed.): Popular Opinion in Totalitarian Regimes, Oxford 2009, 208-222.
[4] Thomas Großbölting: Wiedervereinigungsgesellschaft. Aufbruch und Erzählungen in Deutschland seit 1989/90, Bonn 2020.
Tom Koltermann: Rock im Osten. Die Erfindung der DDR-Rockmusik und ihr Weg in das vereinte Deutschland (= Forschungen zur DDR- und ostdeutschen Gesellschaft; Bd. 114), Berlin: Ch. Links Verlag 2025, 430 S., 30 Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-96289-236-4, EUR 34,00
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