Von Christian Marx, Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Als die Konzernerbin Verena Bahlsen 2019 etwas unbedarft öffentlich bekannte, dass die Firma Bahlsen sich während der NS-Zeit nichts habe zuschulden kommen lassen und die Zwangsarbeiter im Unternehmen gut behandelt worden seien, war die mediale Empörung groß. [1] Zweifellos lag die NS-Herrschaft lange vor ihrer Geburt, doch zeugte ihre Aussage von einer Geschichtsvergessenheit, die längere sozioökonomische und unternehmerische Entwicklungslinien vollkommen ignorierte. Damit steht sie keineswegs allein. Eine Studie der Jewish Claims Conference kam rund 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu dem Ergebnis, dass das Wissen junger europäischer Erwachsener um den Holocaust deutlich schwindet. [2] Dabei ist die Erinnerung an den Holocaust wichtig, um aufzuzeigen, wohin Rassismus, Antisemitismus, die Ausgrenzung von Minderheiten und die Zerstörung demokratischer Strukturen führen können.
Neben dem Militär waren Unternehmen zentrale Elemente, um die Ziele des nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungskriegs durchzusetzen, und viele von ihnen passten sich den Bedingungen des NS-Regimes umstandslos an. Zwar hat die Forschung gezeigt, dass Unternehmer keinen großen Anteil am Aufstieg der Nationalsozialisten hatten - nur wenige Firmenlenker wie Fritz Thyssen bekannten sich vor 1933 offen zum Nationalsozialismus -, doch mit der Machtübernahme arrangierten sie sich mit den neuen Begebenheiten. Dies hing nicht zuletzt mit einer partiellen Interessenkongruenz zwischen Unternehmerschaft und Nationalsozialisten zusammen, denn auch viele Unternehmer lehnten den demokratischen Sozialstaat Weimarer Prägung ab und traten für eine Revision des Versailler Vertrages und die Ausschaltung der organisierten Arbeiterbewegung ein. Aufgrund der fehlenden Antworten der parlamentarischen Demokratie auf die sozialen und ökonomischen Strukturkrisen der Weimarer Republik konnten sich die Nationalsozialisten im bürgerlichen Lager als akzeptable Alternative präsentieren. Viele Unternehmer traten daher nach 1933 der NSDAP bei und bekannten sich damit offen zum NS-Regime, auch wenn der Parteibeitritt vielfach nur aus opportunistischen Geschäftsgründen erfolgte. [3]
Nicht immer war das Verhältnis zwischen der ökonomischen Führungsschicht und den neuen Machthabern konfliktfrei. Die Enteignung der Junckers Werke, die erzwungene Gründung der Braunkohle Benzin AG (Brabag), die Errichtung der Reichswerke Hermann Göring oder der erzwungene Rücktritt von Paul Reusch (Gutehoffnungshütte) sind hierfür illustre Beispiele und verweisen auf den von Peter Hayes herausgestellten Zwangscharakter des NS-Regimes. Zudem kollidierten die kurzfristigen nationalsozialistischen Wirtschafts- und Aufrüstungsziele vielfach mit den langfristigen, auf Gewinn ausgerichteten Unternehmensstrategien, wie Christoph Buchheim und Jonas Scherner dargelegt haben. Doch insgesamt seien - so Buchheim und Scherner - die privaten Eigentumsrechte weitgehend gewahrt worden und bei den Verhandlungen zwischen Staat und Unternehmen sei es den Unternehmern vielfach möglich gewesen, Verträge zu ihren Gunsten zu gestalten. [4] In dieser während der zweiten Hälfte der 2000er Jahre geführten Kontroverse um die Handlungsmöglichkeiten der Unternehmer im Nationalsozialismus ging es vor allem darum, ob politischer Zwang oder ökonomische Anreize die Unternehmer zum Mitmachen bewegt hatten. Den radikalen Verfall moralischer Verhaltensregeln, die für weite Teile der Unternehmerschaft bis dahin unhinterfragt Geltung hatten, konnte man auf diese Weise jedoch kaum erklären. [5]
Die Auseinandersetzungen um die Handlungsmöglichkeiten der Unternehmer wurden vor dem Hintergrund eines Forschungsbooms in der Unternehmensgeschichte ausgetragen, der in den 1990er Jahren eingesetzt hatte. Während über lange Strecken der Bonner Republik makroökonomische Studien das Verhältnis von Staat und Wirtschaft in der NS-Zeit dominiert hatten, rückten nun unternehmenshistorische Arbeiten in den Fokus der öffentlichen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. [6] Ausschlaggebend hierfür war das Ende des Systemgegensatzes nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, die wiederaufkeimende Frage nach Wiedergutmachung infolge der deutschen Wiedervereinigung sowie Sammelklagen und Entschädigungsforderungen gegenüber deutschen Firmen aus den USA. Hierauf reagierten viele Unternehmen - wie die Deutsche Bank, die Allianz oder die Dresdner Bank - mit Auftragsstudien. Zu den vier grundlegenden Forschungsfeldern der Unternehmensgeschichte zählen seitdem die Handlungsspielräume der Unternehmer, ihre Motivlagen, die Beteiligung von Unternehmen an NS-Unrecht sowie biografische Studien über deren Führungspersonal. [7] Inzwischen herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Unternehmensleitungen auch während der NS-Zeit vor allem aus einer ökonomischen Logik heraus gehandelt haben und dabei über beträchtliche Handlungsspielräume verfügten. In vielen Fällen bestimmte eine Mischung aus Zweckrationalität und Opportunismus ihr Verhalten. Das in zahlreichen Entnazifizierungsverfahren angeführte Argument des Befehlsnotstands offenbarte sich bei näherem Hinsehen als reines Entlastungsnarrativ. Damit bröckelte auch die klare Unterscheidung zwischen NS-Regime und Wirtschaft, vielmehr war sie Teil desselben.
Der Forschungsboom in der Unternehmensgeschichte hat zwischenzeitlich zwar nachgelassen, doch noch immer erregt das Verhältnis einzelner Unternehmen zum NS-Regime eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit - wie beispielweise jüngst im Fall des Naturkosmetikunternehmens Weleda. [8] Vor diesem Hintergrund sind auch die in diesem FORUM besprochenen Bücher zu sehen, die eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Branchen und Unternehmenstypen abdecken. Während der von Oliver Rathkolb, Bertrand Perz und Sybille Steinbacher herausgegebene Band einen österreichischen Baukonzern, die Porr AG [9], in den Blick nimmt und zeigt, wie jüdische Aktionäre sukzessive aus dem Aktionärskreis herausgedrängt wurden und wie der Vorstand ständig versuchte, mehr ausländische Zwangsarbeitskräfte zugewiesen zu bekommen, um den Fortgang der Bauarbeiten zu garantieren, untersuchen Hartmut Berghoff/Manfred Grieger, Andrea H. Schneider-Braunberger und Paul Erker mit Bahlsen, Miele und der chemischen Fabrik Joh. A. Benckiser drei deutsche Familienunternehmen. Beide Konsumgüterhersteller - Bahlsen und Miele - arrangierten sich mit dem Nationalsozialismus, beide beschäftigten Zwangsarbeiter, und beide profitierten schließlich stark vom Nachholbedarf nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch die beiden Inhaberunternehmer der Firma Benckiser, Albert Reimann senior und junior, zeigten sich dem NS-Regime gegenüber anpassungsbereit, obschon es durchaus Konflikte mit dem Gauleiter Josef Bürckel und der NS-Wirtschaftsbürokratie gab. Die Herausdrängung jüdischer Geschäftspartner - wie auch im Fall von Adolf Rosenberger jüngst untersucht [10] -, die Beteiligung an "Arisierungs-Geschäften", die Mitgliedschaft des Führungspersonals in NS-Organisationen, die Umstellung der Produktion auf Rüstungsgüter, der Einsatz von Zwangsarbeitern wie auch die Mitwirkung an der Ausbeutung eroberter Gebiete gehören inzwischen zu denjenigen Themen, die in kaum einer Studie über Unternehmen im Nationalsozialismus fehlen dürfen. Dies gilt auch für das Buch von Manfred Grieger über die Süddeutsche Zucker-AG im Nationalsozialismus, die Untersuchung von Rainer Karlsch und Manfred Grieger über die Deutsche Erdöl AG oder die Darstellung von Johannes Bähr und Ingo Köhler über den Warenhauskonzern Hermann Tietz. [11] Bähr und Köhler zeichnen dabei nicht nur die Geschichte der "Arisierung" nach, in der die Gläubigerbanken eine zentrale Rolle einnahmen und in deren Folge die Familien Tietz und Zwillenberg schließlich aus dem Unternehmen herausgedrängt wurden; vielmehr untersuchen sie auch den Restitutionsprozess nach 1945 und binden die NS-Geschichte damit an die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der frühen Bundesrepublik.
Auch viele andere Studien über Unternehmen im Nationalsozialismus untersuchen noch die Nachgeschichte der NS-Herrschaft - vor allem mit Blick auf die Entnazifizierung, personelle Kontinuitäten und den Wandel der Erinnerung. So wird im Fall des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch nicht nur die Frage gestellt, welche Rolle die Firmengründer in der nationalsozialistischen Aufrüstungs- und Kriegswirtschaft spielten, vielmehr verweist der von Rainer Karlsch, Stefanie van de Kerkhof und Andrea H. Schneider-Braunberger erarbeitete Band auch auf die Bedeutung der Wirtschaftsstruktur Oberndorfs für die Wiederansiedlung der Waffenindustrie nach 1945. Ebenso unterstreichen Mark Spoerer und Martin Götz am Beispiel des Chemiefaserwerks in Kehlheim die langfristigen Wirkungszusammenhänge zwischen der Unternehmensgründung im Kontext der NS-Autarkiewirtschaft und den Exporterfolgen in der Bundesrepublik.
Dabei kommen die Studien nicht immer zu vollkommen überraschenden Erkenntnissen. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich Interessen- und Motivlagen zwischen den Unternehmen teilweise ähnelten. Umgekehrt gab es hinsichtlich des Verhältnisses zur Belegschaft, zu jüdischen Geschäftspartnern oder zur Autarkiewirtschaft innerhalb der Unternehmerschaft zweifellos divergierende Vorstellungen. Die Arbeitskräftezusammensetzung, die Exportinteressen oder die Bedeutung wissenschaftlicher Verfahren variierten zwischen den Branchen, und auch innerhalb eines Industriezweigs konnte die Regimenähe unterschiedliche Ausmaße annehmen. Der historiografische Mehrwert weiterer unternehmenshistorischer Arbeiten über die Zeit des Nationalsozialismus könnte somit zum einen darin liegen, die individuellen Handlungsspielräume vor dem Hintergrund der paradoxen Gleichzeitigkeit von Anreizen und Zwängen sowie spezifischer Markt-, Produkt- und anderer Eigeninteressen aufzuzeigen, um auf diese Weise zu einem gesicherten Forschungstand über verschiedene Branchen, Regionen und Unternehmenstypen hinweg zu gelangen. Zum anderen sollte die Beziehung von Unternehmern zum Nationalsozialismus nicht als ein statisches, sondern als ein dynamisches Verhältnis verstanden werden, das im Zeitverlauf in Gegensätze münden konnte - wie im Fall von Fritz Thyssen -, aber ebenso mit einer zunehmenden Radikalisierung einhergehen konnte, an deren Ende die aktive Beteiligung an der nationalsozialistischen Raub- und Mordökonomie stand. [12] Indem sich derartige Studien als Beitrag zum Verhältnis von Unternehmen zu Diktaturen und Gewalterfahrungen verstehen, verweisen sie nicht nur auf zeitlich und räumlich andere unternehmenshistorische Forschungsgegenstände, sondern auch auf die Aktualität ihrer Forschungsfragen.
Wir wünschen den Leserinnen und Lesern der sehepunkte eine anregende Lektüre!
Anmerkungen:
[1] "It-Girl mit Vergangenheit", in: Der Spiegel 21/2019, 18.5.2019, 48-49.
[2] "Jewish Claims Conference: Jeder zehnte junge Erwachsene kennt den Holocaust nicht, in: Die Zeit, 23. Januar 2025, https://www.zeit.de/gesellschaft/2025-01/holocaust-umfrage-erinnerungskultur-gedenken-antisemitismus [letzter Zugriff 08.01.2026].
[3] Paul Windolf / Christian Marx: Die braune Wirtschaftselite. Unternehmer und Manager in der NSDAP, Frankfurt am Main 2022.
[4] Christoph Buchheim: Unternehmen in Deutschland und NS-Regime 1933-1945. Versuch einer Synthese, in: Historische Zeitschrift 282 (2006), 351-390; Christoph Buchheim / Jonas Scherner, Corporate Freedom of Action in Nazi Germany. A Response to Peter Hayes, in: GHI Bulletin 45 (2009), 43-50; Peter Hayes: Corporate Freedom of Action in Nazi Germany, in: GHI Bulletin 45 (2009), 29-42; Ralf Banken: Zwischen Zwang und Eigeninitiative. Die Forschungsdiskussion um unternehmerische Handlungsspielräume im »Dritten Reich«, in: Archiv und Wirtschaft 56 (4) (2023), 192-207.
[5] Dieter Ziegler: Erosion der Kaufmannsmoral. "Arisierung", Raub und Expansion, in: Norbert Frei / Tim Schanetzky (Hgg.): Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur, Göttingen 2010, 156-168.
[6] Sebastian Brünger: Geschichte und Gewinn. Der Umgang deutscher Konzerne mit ihrer NS-Vergangenheit, Göttingen 2017. Für den Wandel der Erinnerungskultur aus Perspektive der Unternehmen(-sarchive) vgl. exemplarisch Fabian Engel / Thore Grimm: Transformation der Erinnerungskultur in der Bayer AG, in: Archiv und Wirtschaft 56 (4) (2023), 208-220.
[7] Ralf Banken: Kurzfristiger Boom oder langfristiger Forschungsschwerpunkt? Die neuere deutsche Unternehmensgeschichte und die Zeit des Nationalsozialismus, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 56 (2005), 183-196; ders.: Introduction: The room for manoeuvre for firms in the Third Reich, in: Business History 62 (3) (2020), 375-392.
[8] Aufgrund der Untersuchung von Anne Sudrow hat das Unternehmen eine umfassende Studie zur Geschichte des Unternehmens während der NS-Zeit in Auftrag gegeben, die 2027 erscheinen soll. Vgl. Anne Sudrow, Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau, Göttingen 2025; Presseinformation des Unternehmens Weleda, online: https://www.weleda.de/footer/dialog/presseartikel/weleda-beauftragt-unabhangige-umfassende-untersuchung-zur-geschichte-des-unternehmens-wahrend-der-ns-zeit (letzter Zugriff 09.01.2025). Zur Aktualität auch: Isabel Fannrich-Lautenschläger: Zwangsarbeit. Wie Unternehmen sich mit ihrer NS-Vergangenheit auseinandersetzen, in: Deutschlandfunk Kultur, 18. Juni 2025, online: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zwangsarbeit-im-nationalsozialismus-wie-unternehmen-geschichte-aufarbeiten-100.html (letzter Zugriff 13.01.2026).
[9] Zur Porr AG jüngst: Christian Rabl, Bauen für den NS-Staat. Die Tätigkeit der Porr AG in den besetzten Gebieten, in: Einsicht 2025. Bulletin des Fritz Bauer Instituts (2025), 25-33.
[10] Joachim Scholtyseck: Adolf Rosenberger. Rennfahrer, Porsche-Mitgründer, Selfmademan. Eine Enttäuschungsgeschichte, München 2025.
[11] Vgl. hierzu auch: Werner Plumpe / Ralf Banken: Die wunderbare Welt von HERmann TIEtz. Warenhaus und Konsum in Deutschland in der Moderne, München 2026.
[12] Peter Hayes: Profits and Persecution. German Big Business in the Nazi Economy and the Holocaust, Cambridge 2025; Andrea H. Schneider-Braunberger / Philipp Meder: Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte. Eine Bestandsaufnahme der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit deutscher Unternehmen, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 69 (2) (2024), 361-376; Michael C. Schneider: Zwischen Archiv und Verantwortung: Warum Firmen ihre NS-Geschichte offenlegen sollten, in: Markt und Mittelstand, 22.2.2026 (online: https://www.marktundmittelstand.de/personal/unternehmen-ns-aufarbeitung (letzter Zugriff 7.4.2026).