Zur Geschichte der deutschen Orientalistik gehören natürlich neben Institutionen wie der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft oder der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient vor allem einzelne Lehrstühle, Seminare und Fachbereiche, aber eben auch hunderte von Forscher*innen. Die prominenteste Gruppe stellen dabei natürlich die Professor*innen dar, wobei bis heute zwischen ordentlichen, d.h. mit einer Planstelle versehenen, und außerordentlichen Professuren einerseits und Privatdozenturen andererseits unterschieden wird. Die Wirkmächtigkeit dieses im 19. Jahrhundert etablierten Systems kann man sehr gut an meiner eigenen Fakultät sehen: der traditionelle Weg zur Professur führt hier häufig immer noch, nachdem man promoviert worden ist, über ein formales Habilitationsverfahren. Am Ende stehen zwei voneinander getrennte Urkunden. Zum einen wird einem die facultas docendi bescheinigt, also die grundsätzliche Befähigung, in einem Fach zu lehren, zum anderen erhält man seine venia legendi, das heißt die Berechtigung, an einer bestimmten Universität (in unserem Fall an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universiät Bonn) 'lesen' (= Vorlesungen halten) zu dürfen. Verbindet sich das erste Dokument mit dem Titel Dr. phil. habil., so wird einem für das zweite zusätzlich den Titel "Privatdozent*in" verliehen. Mit diesem ist eine Lehrverpflichtung von 2 Semesterwochenstunden, die sogenannte "Titularlehre", verbunden. Eine Planstellenprofessur (möglichst eine W-3-Stelle mit einem Lehrstuhl, früher ein Ordinariat) zu bekommen, wäre nun der nächste Schritt. Wenn man dies nicht erreicht, steht einem noch der Weg zu einer außerordentlichen (also nicht mit einer Planstelle verbundenen) Professur offen. Allerdings ist diese in der Regel in der Eigen- und Fremdwahrnehmung mit dem Makel behaftet, eben keine "richtige" Professur zu sein. Warum erwähne ich dies alles? Weil es den lebenslangen - letzten Endes erfolglosen - Kampf des Hauptprotagonisten der vorliegenden Dissertation, Karl Süßheim, widerspiegelt, eine ordentliche Professur und damit die ihm - seiner Meinung nach - zustehende Anerkennung seiner akademischen Leistungen zu erhalten.
Die biografisch angelegte Arbeit von Kristina Milz befasst sich selbstverständlich nicht nur mit diesem Aspekt seines Lebens, sondern bietet uns verschiedene Hinsichten auf den in Deutschland und an seiner Münchner Universität vergessenen Gelehrten an. Karl Süßheim erblickte am 21. Januar 1878 in Nürnberg als Sohn des Hopfenhändlers Sigmund Süßheim und dessen Frau Clara, geborene Morgenstern, das Licht der Welt. Er entstammte einer angesehenen, liberal-jüdischen Familie. Sein Großvater David Morgenstern war der erste jüdische Abgeordnete im Bayerischen Landtag, sein älterer Bruder Max Süßheim wurde später als Rechtsanwalt und sozialdemokratischer Politiker bekannt. Nach dem Abitur studierte Karl Süßheim Geschichte (und Philosophie) in Erlangen, Jena, München und Berlin. Dort entwickelte er ein wachsendes Interesse an den Sprachen, Kulturen und der Geschichte des Nahen Ostens. 1902 promovierte er mit einer Arbeit über die preußische Politik in Franken. Anschließend ging er für mehrere Jahre nach Istanbul, wo er hervorragend Türkisch lernte und intensive Kontakte zur osmanischen Kulturelite knüpfte. Süßheim wurde zu einem außergewöhnlichen Kenner der türkischen Sprache, Geschichte und Politik. Seine Beschäftigung mit dem Osmanischen Reich verband wissenschaftliche Forschung mit unmittelbarer persönlicher Erfahrung. Zugleich setzte er sich intensiv mit seiner jüdischen Herkunft auseinander und entwickelte im Laufe seines Lebens eine stärkere religiöse Bindung. 1911 habilitierte er sich in München mit einer Arbeit über eine persische Chronik der Seldschuken und lehrte anschließend an der Ludwig-Maximilians-Universität. 1919 wurde er außerordentlicher Professor für die Geschichte islamischer Völker sowie für Türkisch, Persisch und Arabisch. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Staatsdienst entlassen. Nach den Novemberpogromen 1938 kam er für 16 Tage in das Konzentrationslager Dachau. Trotz zunehmender Verfolgung gelang ihm die Ausreise zunächst nicht. Erst im Juni 1941 konnte er dank der Unterstützung türkischer Freunde gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Istanbul fliehen und so der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik entkommen. Dort erhielt er eine Stelle an der Universität Istanbul und unterrichtete bis kurz vor seinem Tod türkische Studierende. Karl Süßheim starb am 13. Januar 1947 in Istanbul und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Ortaköy beigesetzt.
Neben vielen, zum Teil weit verstreuten Quellen bilden Karl Süßheims zu großen Teilen erhaltenene Tagebücher die Basis für die sehr gründliche und wirklich informative Biographie von Kristina Milz. [1] Als Historikerin gelingt es ihr bestens, seine Vita zu kontextualisieren und exemplarisch in die großen politischen und gesellschaftlichen Strömungen und Ereignisse einzubetten. Sein Leben zwischen Nürnberg, München und Istanbul steht beispielhaft für die enge, zugleich aber konfliktreiche Verflechtung deutscher, jüdischer und osmanisch-türkischer Geschichte im frühen 20. Jahrhundert. [2] Ob Karl Süßheim nun ein "großer" Gelehrter oder ein sympathischer Mensch gewesen ist, spielt letzten Endes keine Rolle. Sein Kollege Erich Auerbach (1892-1957), der ebenfalls in Istanbul im Exil lebte, fand in seiner Trauerrede folgende diplomatische Worte: "Wir trauern um unseren verehrten Freund und Kollegen Karl Süssheim, der uns nach einem arbeits- und sorgenreichen Leben verlassen hat. Er hat nur wenige Jahre unter uns gelebt, und nur wenigen von uns ist es vergönnt gewesen, ihn näher kennen zu lernen; denn er war ein scheuer und wortkarger Mensch, und es war nicht leicht zu erkennen, welche Fülle und Tiefe des Wissens er besass. Zwar fehlte es ihm durchaus nicht an Liebenswürdigkeit und selbst an Zutraulichkeit, wenn es einmal gelang mit ihm ins Gespräch zu kommen; aber das geschah selten, er war gewöhnlich viel zu verschlossen und anspruchslos, um seine Person zur Geltung kommen zu bringen, und diese übergrosse Bescheidenheit ist wohl auch schuld daran gewesen, dass er nie eine Stellung errang, die seiner wissenschaftlichen Bedeutung entsprach." (655)
Anmerkungen:
[1] Teileditionen bieten Barbara Flemming / Jan Schmidt: The Diary of Karl Süssheim (1878-1947). Orientalist between Munich and Istanbul, Stuttgart: Steiner 2002 und Jan Schmidt: The Orientalist Karl Süßheim Meets the Young Turk Officer Isma'il Hakkı Bey. Two Unexplored Sources from the Last Decade in the Reign of the Ottoman Sultan Abdulhamid, Leiden / Boston: Brill, 2018.
[2] Hingewiesen sei an dieser Stelle auf die ausführliche Besprechung des Buches von Klaus Kreiser ["An Extraordinary Portrait of a Forgotten Orientalist", in: Die Welt des Islams 64 (2024), 352-365].
Kristina Milz: Karl Süßheim Bey (1878-1947). Eine Biografie über Grenzen, Berlin: Metropol 2022, 789 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-86331-637-2, EUR 44,00
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.