Das Studium der Insekten bringe Erkenntnisse, die Herz und Geist zu nähren vermögen, erklärte 1791 der Entomologe Jacques Brez, den V.E. Mandrij und Giulia Simonini zu Beginn des von ihnen herausgegebenen Bandes 'Insects and Colors between Art and Natural History' zitieren (1). Seine Liebe zu Insekten habe, schrieb Brez, mit der Faszination für ihre Farben begonnen: Eine solche Auseinandersetzung mit Insekten und ihrer Farbigkeit in der Frühen Neuzeit ist Thema des Buches.
Gleich vorweg: Es ist beeindruckend, wie die sieben Kapitel das Verhältnis zwischen Insektenstudium und Farbenwissen so erschließen, dass stets das für die Epoche charakteristische Zusammengehen von künstlerischem und naturkundlichem Interesse deutlich wird. Damit betritt der aus einem Workshop im Jahr 2021 hervorgegangene Band Neuland: Zwar sind in jüngerer Zeit vermehrt Arbeiten und Projekte insbesondere zur frühneuzeitlichen Beschäftigung mit Natur entstanden, die kunst- und wissenschaftshistorische oder bild- und kulturwissenschaftliche Perspektiven zusammenbringen. [1] Doch fehlt - trotz eines umfangreichen Forschungsstands zur Bedeutung von Insekten etwa in Geschichte, Gesellschaft, Kultur oder Literatur, trotz wissenschaftshistorischer Studien zur Entomologie und kunsthistorischer Arbeiten etwa zur Darstellung von Insekten - bislang eine Untersuchung zum Umgang mit deren Farbigkeit im Überschneidungsbereich von Kunstgeschichte und Geschichte der Naturkunde.
Die Beiträge, die allesamt hochwertige Farbabbildungen in ihre Argumentation einbeziehen, liefern nicht nur jeweils eigenständige Fallstudien. Vielmehr geben sie in der Summe einen exzellenten Einblick in die Bandbreite an Herausforderungen, die sich in der Frühen Neuzeit bei der Erforschung der Insektenfarben und ihrer bildlichen Wiedergabe - mit unterschiedlichen Verfahren und für verschiedene Zwecke - stellten.
Kimberley Schenck und Stacey Sell untersuchen, mithilfe welcher Techniken Joris Hoefnagel (1542-1600) Insekten in seinem Album 'Ignis' lebensecht und mit höchster Detailgenauigkeit nach eigener Beobachtung darstellte, indem er u.a. Teile von Insekten einfügte oder für komplexe Farb- und Schimmereffekte mit der Kombination mehrerer Materialien experimentierte. V.E. Mandrij analysiert das Verfahren der Übertragung von Schmetterlingsschuppen auf einen Bildträger, prominent angewendet von Otto Marseus van Schrieck (ca. 1620-1678), anhand von historischen Anleitungen, mikroskopischen Analysen seiner Sottoboschi und eigenen Replikationsversuchen. Kay Etheridge verbindet einen biologischen Überblick über Insektenfarbigkeit mit der historischen Perspektive auf die Beobachtung und Darstellung von Farbvariationen oder -wechseln, etwa bei Maria Sibylla Merian (1647-1717).
Giulia Simonini untersucht, wie entomologische Tafeln im 18. Jahrhundert von Hand koloriert wurden; im Zentrum steht dabei die vom Miniaturmaler Stefan Loibel (1725-1775) entwickelte und von seinem Auftraggeber Jacob Christian Schäffer (1718-1790) publizierte Strategie, das Vorgehen mithilfe von Farbmustern nach Art eines Malens nach Zahlen zu standardisieren. Stefanie Jovanovic-Kruspel und Harald Bruckner zeigen in ihrem Beitrag zu Michael Denis (1729-1800) und Ignaz Schiffermüller (1727-1806) den engen Bezug zwischen deren Schmetterlingskatalog der Gegend von Wien - bekannt als 'Wiener Verzeichnis' (1775) - und Schiffermüllers Versuch, eine Methode zur Standardisierung von Farben zu entwickeln, und verfolgen die Abbildungstradition, die sich bis ins 20. Jahrhundert an Schiffermüllers Aquarelle knüpfte (die dargestellten Arten werden in einem Appendix mit aktueller Nomenklatur für die entomologische Forschung erschlossen).
Beth Fowkes Tobin diskutiert die Bedeutung von Farbe für die Identifikation und Klassifikation insbesondere exotischer Arten anhand der problematischen Verwendung schadhafter, verfärbter Sammlungsexemplare als Bestimmungsgrundlage: Naturforscher-Illustratoren wie John Abbot (1751-1840) in Georgia, der nicht nur die Tiere in allen Lebensstadien und auf ihren Futterpflanzen beobachtete und abbildete, sondern auch in der Lage war, sie unter Erhalt ihrer Farben zu konservieren, und der sie dann nach Europa verkaufte, setzten um 1800 neue Standards; seine Zusammenarbeit mit James Edward Smith (1759-1828) in London für 'The Rarer Lepidopterous Insects of Georgia' (1797) trug dazu bei, dass Larvenstadien in der Taxonomie von Schmetterlingen Beachtung fanden.
Der in gedruckter Form und als Open-Access-Titel erschienene Band deckt ein weites Themenfeld ab: von Fragen nach der Zusammenarbeit mehrerer Akteur:innen über die Verfahren der visuellen Wiedergabe der Insektenfarben bis hin zur Terminologie der Farbbeschreibung. Bestens führt darauf die instruktive Einleitung von V.E. Mandrij und Giulia Simonini hin, die den Forschungsstand, die insektenkundlichen Deutungstraditionen, die Vielfalt der frühneuzeitlichen Abbildungsverfahren sowie die künstlerischen und wissenschaftlichen Herangehensweisen vorstellt.
Für das Anliegen des Bandes, mit der Untersuchung von Funktionen, Methoden und Strategien der Farbdokumentation in der frühneuzeitlichen Kunst und Naturkunde eine interdisziplinäre Diskussion über das Verhältnis zwischen Insekten und Farben anzustoßen (4), ist somit im Buch alles getan. V.E. Mandrij und Giulia Simonini ist, wie es Karin Leonhard und Friedrich Steinle im Vorwort formulieren, zu ihrer Initiative zu gratulieren (IX) und der Band einem breiten Kreis potenzieller Mitdiskutant:innen aus vielen Fächern zur Lektüre sehr zu empfehlen.
Anmerkung:
[1] z.B. Henriette Müller-Ahrndt: Die Künstler der Naturgeschichte. Eine Studie zur Kooperation von Kupferstechern, Verlegern und Naturforschern im 18. Jahrhundert, Petersberg 2021; Robert Schindler / Bernd Ebert / Anna C. Knaap (eds.): Rachel Ruysch: Nature into Art, Published in Conjunction with the Exhibition 'Rachel Ruysch: Nature into Art', Organized by the Alte Pinakothek, Munich, Toledo Museum of Art, and the Museum of Fine Arts, Boston (Alte Pinakothek, Munich: Nov. 26, 2024 - Mar. 16, 2025; Toledo Museum of Art: Apr. 13 - Jul. 7, 2025; Museum of Fine Arts, Boston: Aug. 23 - Dec. 7, 2025), Boston 2024; Isabel Kranz / Joela Jacobs: Pflanzen. Kulturwissenschaftliches Handbuch, Berlin 2026.
V. E. Mandrij / Giulia Simonini (eds.): Insects and Colors between Art and Natural History (= Emergence of Natural History; Vol. 7), Leiden / Boston: Brill 2025, XVIII + 321 S., ISBN 978-90-04-52511-5, EUR 144,45
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