Der Multikulturalismus der polnisch-litauischen Adelsrepublik ist in den letzten Jahrzehnten in der historischen Fachliteratur öfter thematisiert worden, hauptsächlich um die Toleranz der Polen in ethnischer und religiöser Hinsicht zu belegen und dieses Urteil dann auch auf die Gegenwart zu projizieren. Das wird auch von mehreren Autoren dieses Sammelbands vermerkt. Hier aber haben Historiker aus verschiedenen Ländern das Phänomen zu ihrem Hauptthema gemacht, um es aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dabei ist das Buch in zwei Teile geteilt: Die ersten sechs Aufsätze befassen sich mit der historischen Rzeczpospolita und behandeln verschiedene ihrer kulturellen Milieus. Die Aufsätze 7 bis 12 nehmen dagegen die Kultur der Erinnerung an die Adelsrepublik in einigen Milieus des 19. und 20. Jahrhunderts in den Blick.
Im ersten Teil sind gleich zwei Texte der religiösen Vielfalt in Polen-Litauen gewidmet, von Karin Friedrich für das 17. Jh. und für die letzte Phase der Adelsrepublik, die Zeit der Teilungen, von Richard Butterwick. Beide betonen, dass hier nicht von moderner religiöser Toleranz gesprochen werden kann, sondern nur von Tolerierung anderer Konfessionen mit dem Ziel, den Frieden im Staat zu erhalten und seine Existenz nicht zu gefährden. Das zeigt sich deutlich daran, dass die religiösen Gruppen Gemeinschaften unterschiedlichen Rechts bildeten (zum Beispiel waren nur die katholischen Bischöfe im Senat vertreten, nicht aber die orthodoxen oder die protestantischen Vorsteher), sowie auch an der wachsenden Unduldsamkeit der Katholiken, je größer ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wurde. Mit diesem Prozess ging eine Polonisierung der Bevölkerung einher, die auch zu einer immer größeren ethnischen Vereinheitlichung führte. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich unter dem Druck der künftigen Teilungsmächte und des aufgeklärten Denkens allmählich eine echte religiöse Toleranz.
Religiösen Minderheiten sind auch weitere Artikel gewidmet. Magda Teter behandelt die Juden in der Rzeczpospolita und unterstreicht, dass sie ein integrierter Teil der Gesellschaft waren, der aber dann von der nationalen Geschichtsschreibung in Polen seit dem 19. Jahrhundert zunehmend verschwiegen wurde. Größere Konflikte gab es mit den Muslimen, über die Dariusz Kołodziejczyk schreibt. Von ihnen lebten zwar einige innerhalb des Staates und passten sich in vielerlei Hinsicht an die polnische Kultur an, aber andere, insbesondere die Osmanen und Krimtataren, bedrohten das Land von außen und wurden deshalb als Feinde betrachtet. Besonders kompliziert stellte sich das Verhältnis der Ukrainer zur Adelsrepublik dar. Auch hier gab es eine religiöse Differenz, die durch die Union von Brest überbrückt werden sollte, was aber nur teilweise gelang. Entsprechend entwickelte sich im Bewusstsein der Ukrainer eine Dichotomie zwischen Gefühlen der Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit zur Rzeczpospolita. Das zeigt Olenka Z. Pevny anhand der Geschichte von Bau und Ausstattung der Erlöserkirche in Berestovo im Stadtgebiet von Kiew.
Die Auffassung der Polen von der Multikulturalität ihres Staates kommt am ehesten in dessen Bezeichnung als "Sarmatien" zum Ausdruck. Tomasz Grusiecki untersucht in diesem Zusammenhang, wo auf frühneuzeitlichen Karten aus Polen dieses Sarmatien verzeichnet wurde und in welche Regionen man es aufteilte. Er unterscheidet zu Recht zwischen dem geografischen Sarmatien-Begriff und dem kulturellen Begriff des Sarmatismus, der sich vor allem auf den Adel des Landes bezog. Unrecht hat er allerdings, wenn er mehrmals feststellt, man hätte die Sarmaten damals nicht als eine ethnische Gemeinschaft mit gemeinsamer Abstammung betrachtet.
Origineller und informativer für Leser außerhalb Osteuropas sind sicher die Aufsätze im zweiten Teil des Buchs. Hier wird deutlich, wie seit dem 19. Jahrhundert in der Erinnerung an die Adelsrepublik die Grenzen zwischen ihren Bevölkerungsgruppen wieder stärker zutage traten. Stanley Bill zeigt, wie vor allem die polnische Literatur einen kolonialen Blick auf die Ukraine förderte, für den die Polen als Kulturbringer im Osten galten, ohne dass dabei das alte Gefühl der Gemeinsamkeit völlig verdrängt werden konnte. Noch stärker von oben herab betrachteten die Polen allerdings die Weißrussen, wie Stanley Bills Mitherausgeber Simon Lewis belegt, der sich dabei aber vor allem auf moderne Literatur stützt. Polen und Litauer unterstützen zwar heute die Weißrussen in ihrem Kampf gegen das Lukašenko-Regime, aber zeigen ansonsten wenig Interesse an der weißrussischen Kultur. Sehr aufschlussreich ist auch der Artikel von Rūstis Kamuntavičius zum aktuellen Streit zwischen Litauern und Weißrussen, ob das Großfürstentum Litauen ein litauischer oder ein weißrussischer Staat war. Dabei berufen sich die Litauer darauf, dass der Staat von einer litauischen Dynastie gegründet und beherrscht wurde, die Weißrussen hingegen können nicht nur auf die slawische Bevölkerungsmehrheit verweisen, sondern auch darauf, dass die Amtssprache und die Kultur weitgehend slawisch waren. Beide Seiten betrachten dabei die Gebiete, die von ihrer Volksgruppe bewohnt waren, jeweils als das Zentrum des Staates, und beide spielen die stetig wachsende Bedeutung der polnischen Kultur herunter.
Einen besonders originellen Beitrag liefern Magdalena Waligórska, Ina Sorkina und Alexander Friedman, die sich in einem gemeinsamen Artikel drei Projekten widmen, bei denen jeweils in Polen, Weißrussland und der Ukraine an die jüdische Vergangenheit an einzelnen Orten erinnert werden soll. Im südostpolnischen Biłgoraj rekonstruiert ein lokaler Geschäftsmann ein altes Shtetl nach Häusermodellen aus ganz Osteuropa. Er stößt damit auf den Widerstand rechter Kreise in Polen, aber auch von Juden, denen es nicht gefällt, dass hier nur Polen darüber bestimmen, an welche Aspekte der Vergangenheit erinnert wird. In ähnlicher Weise suggeriert ein neues Museum in Iuje in Weißrussland ein völlig harmonisches Zusammenleben der Kulturen bis zum Zweiten Weltkrieg. Auch in Brody in der Ukraine wird die Beteiligung der orthodoxen Bevölkerung an antijüdischen Aktionen verdrängt. Als Goldenes Zeitalter der Toleranz und kulturellen Blüte gilt hier jedoch nicht die Zeit der Adelsrepublik, sondern die der Zugehörigkeit zu Galizien im 19. Jahrhundert, als Brody das "österreichische Jerusalem" war. Immerhin betonen die Autoren, dass noch offen sei, welchen Weg die Erinnerungskultur in allen Fällen in der Zukunft nehmen wird.
Zumindest ein Artikel, von Robert Frost, befasst sich auch mit der Geschichtsschreibung. Der Schotte vergleicht die Visionen der Adelsrepublik bei zwei Historikern, die beide 1919 bei der Pariser Friedenskonferenz an der Neugestaltung Osteuropas beteiligt waren. Oskar Halecki betrachtete dabei die polnisch-litauische Union als Vorbild für die von Józef Piłsudski angestrebte Staatenföderation in Ostmitteleuropa unter polnischer Führung. Lewis Namier dagegen fürchtete eine polnische Vorherrschaft und neigte eher zu einem Panslawismus unter russischer Führung.
Schließlich erinnert Ewa Nowicka auf der Basis einer neuen Untersuchung daran, dass die Erinnerung an die alte Rzeczpospolita nicht zur Begründung von modernem Multikulturalismus taugt. Die Ukrainer im heutigen Polen sind Migranten und klagen häufig über negative Einstellungen der Polen ihnen gegenüber. Bei den Polen bessert sich aber das Image der Ukrainer aufgrund von deren Abwehrkämpfen gegen Russland. Doch diese Verbesserung der Beziehungen gründet sich eher auf die Distanzierung von der Vergangenheit als auf die Erinnerung an die Adelsrepublik.
Stanley Bill / Simon Lewis (eds.): Multicultural Commonwealth. Poland-Lithuania and Its Afterlives, Pittsburgh, PA: University of Pittsburgh Press 2023, XII + 383 S., ISBN 978-0-8229-4803-2, USD 60,00
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.