sehepunkte 26 (2026), Nr. 10

Gadi Algazi / Roii Ball / Sagi Schaefer (Hgg.): Verflochtene Waldgeschichten / Entangled Woods

Der 50. Band der Tel Aviver Jahrbücher für deutsche Geschichte ist mit Verzögerung erschienen. Die politischen Entwicklungen, so die Herausgeber, hätten die Frage aufgeworfen, ob "'[e]in Gespräch über Bäume' schon wieder 'fast ein Verbrechen' geworden ist", weil es, nach Bertolt Brecht, "ein Schweigen über so viele Untaten einschließt" (7). Verflochtene Waldgeschichten / Entangled Woods zeigt aber eindrücklich, dass Bäume und Wälder allzu oft mit Geschichten von Gewalt und Ausbeutung verbunden sind.

Der Band versammelt acht Beiträge zu Verflechtungen von Menschen, Bäumen und Wäldern in verschiedenen historischen Kontexten, deren thematische Schnittmengen das Editorial aufzeigt. Das titelgebende Konzept der Verflechtung umfasst Ideen-, Wissens- und Technologietransfers ebenso wie geographische und überzeitliche Bezüge sowie Verflechtungen zwischen Mensch und Natur, Materialität und Symbolik. Die Beiträge folgen keiner spezifizierten Ordnung und werden im Folgenden thematisch gebündelt.

Ein Schwerpunkt ist die Verbindung von Bäumen und Wäldern mit Nationsbildung und imperialem Ausgreifen. Nurit Lissovsky zeigt am Beispiel des Hain Chorschat-Tal (früher Shajarat el 'Aschara), wie Landschaftsgestaltung im neugegründeten Israel dazu diente, Besitzansprüche zu zementieren und Heimat zu kreieren. Der der lokalen muslimischen und drusischen Bevölkerung heilige Hain wurde nach 1948 in einen europäisch anmutenden Park umgestaltet. Mit ausführlichen Quellenzitaten zeichnet Lissovsky Debatten um die Bewahrung einer in dieser Form erst zu schaffenden Natur, ihre touristische Erschließung und nationale Ziele nach.

Jawad Daheur untersucht die imperialen Bezüge im Diskurs über eine vermeintlich drohende Verwüstung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Ferne Wüsten wurden zu wichtigen Referenzpunkten; Aufforstungspraktiken, die der Verwüstung entgegenwirken sollten, dienten Preußen zugleich bei der Verwurzelung territorialer Ansprüche in den Grenzregionen und deren "Zivilisierung". Daheur zeigt nicht nur Verbindungen zu anderen Kolonialmächten, sondern auch lokale Adaptionen, wie die Rolle der Steppe im russisch geprägten deutschen Diskurs.

Auch Roii Ball untersucht Prozesse kolonialer Aneignung. Seine Unterscheidung zwischen dem Pflanzen einzelner Bäume und systematischer Aufforstung erlaubt eine präzise Bestimmung unterschiedlicher Funktionen: Während die zionistische Bewegung Baumpflanzungen zur Spendenakquise und Absicherung von Gebietsansprüchen nutzte, diente die Aufforstung der britischen Mandatsregierung der wirtschaftlichen, klimatischen und ästhetischen Umgestaltung des Landes. Beide griffen auf das Bild einer verödeten und wiederherzustellenden - eigentlich aber mythisch konstruierten - Landschaft zurück. Die Verwendung gendersensibler Sprache hätte dem Beitrag zu mehr Präzision verholfen.

Das Motiv der Wiederherstellung kehrt bei Barry Jackisch wieder: Der als "sterbend" dargestellte Berliner Grunewald sollte unter nationalsozialistischer Herrschaft "wiederhergestellt" und zum "Volkspark" für die nicht-jüdische Stadtbevölkerung werden. Gleichzeitig sollten Teile repräsentativen Bauvorhaben weichen. Jackisch zeigt damit, wie weitreichend die nationalsozialistische Ideologie staatliches Planen prägte. Eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Rassendiskursen und der Baumartenauswahl hätte den Beitrag noch bereichern können.

Jeffrey K. Wilson bietet eine Neubetrachtung der Vorgeschichte von Baum- und Waldsymbolik im Nationalsozialismus anhand von Karikaturen aus 'Der Wahre Jacob', 'Simplicissimus' und 'Kladderadatsch'. Entgegen der Annahme einer Kontinuität zwischen romantischen Waldvorstellungen und rechter Ideologie zeigt Wilson, dass nach dem Ersten Weltkrieg zunächst die Linke versucht habe, die Eiche als Symbol einer demokratischen Republik zu vereinnahmen. Die Rechte dagegen stilisierte die vermeintliche Bedrohung des deutschen Waldes zum Sinnbild für den Verfall der "Volksgemeinschaft".

Zwei Beiträge setzen dem Narrativ der politischen Instrumentalisierung Kontrapunkte entgegen. Yoav Orion und Or Aleksandrowicz zeigen, dass für die Baumpflanzungen im neugegründeten Tel Aviv vor allem praktische Erwägungen entscheidend waren: Als Schattenspender mussten Bäume hitzebeständig und breitkronig sein. Die über koloniale Netzwerke importierte Chinesische Feige (Ficus microcarpa) wurde dann aber durch biblisch inspirierte Benennung in ein Narrativ der Rückkehr zu hebräischen Ursprüngen eingebunden. Der Beitrag veranschaulicht die Überlagerung praktischer, politischer, ökologischer und symbolischer Dimensionen.

Róbert Balogh und Peter Homor zeigen, dass Nationalismus im Königreich Ungarn um die Wende zum 20. Jahrhundert nicht zum strukturierenden Prinzip der Forstwirtschaft wurde. Im Vordergrund stand vielmehr die kapitalistische Nutzbarmachung. Die multiethnische Zusammensetzung der wichtigsten Forstregionen habe einer nationalistischen Vereinnahmung entgegengewirkt. Allerdings stellt sich die Frage, ob Forstwirtschaft aufgrund ihrer in anderen Beiträgen herausgearbeiteten Fähigkeit, Territorien zu ordnen, Ressourcen zu kontrollieren und Landschaften zu gestalten, für nationalistische Projekte nicht gerade hier besonders geeignet gewesen wäre.

Stand bislang der Wandel von Landschaften im Fokus, blickt Emilia Henkel auf den Bedeutungswandel einer gleichbleibenden Landschaft. Das Neue Haus im Thüringer Wald fungierte nacheinander als paramilitärisches Trainingscamp und Tourismusziel, Aufnahmestelle für Asylsuchende im wiedervereinten Deutschland und evangelikales Freizeitheim. Die Abgeschiedenheit des Waldes wurde dabei jeweils neu interpretiert - vom touristischen Sehnsuchtsort zur postsozialistischen Peripherie, einem Ort sozialer Unsichtbarkeit, hin zum religiösen Rückzugsort. Henkel zeigt überzeugend, dass Landschaften nicht nur in ihrer Materialität, sondern auch im sozialen Handeln konstruiert werden.

Eine Stärke des Bandes liegt darin, unterschiedliche historische Kontexte zusammenzubringen. Bedauerlich ist, dass die Beiträge selbst nicht aufeinander verweisen. Zeigt Ball, wie wichtig die Unterscheidung zwischen systematischer Aufforstung und dem gezielten Pflanzen einzelner Bäume für die Geschichte Palästinas war, sprechen Orion und Aleksandrowicz im darauffolgenden Beitrag wieder pauschal von Aufforstung. Dialoge zwischen den Beiträgen hätten sich vielfach angeboten, wie die thematische Zusammenstellung hier zeigen soll.

Der Band eröffnet zugleich Raum für weitere Studien. Vergleichende Bezüge zu anderen kolonialen oder faschistischen Landschaftspolitiken wären ebenso interessant wie eine Critical Plant Studies-Perspektive. Die Annahme, dass Natur in erster Linie Gegenstand menschlicher Interessen und Interventionen sei, wird im Band kaum historisiert. Bäume erscheinen hier nur selten als eigenständige, mitunter widerspenstige Akteure historischer Prozesse.

Dennoch macht Verflochtene Waldgeschichten / Entangled Woods die historische Bedeutung von Bäumen und Wäldern jenseits einer eng gefassten Umweltgeschichte sichtbar. Der Band zeigt, dass materielle Landschaftsgestaltung, politische Herrschaft, ökonomische Interessen und symbolische Ordnungen nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Er bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für historische Forschungen zu Macht, Gesellschaft und Natur. Die Zusammenschau macht deutlich, dass Bäume materielle und ideelle Ressourcen sind und dazu beitragen, Territorien, Gemeinschaften und historische Vorstellungen hervorzubringen.

Rezension über:

Gadi Algazi / Roii Ball / Sagi Schaefer (Hgg.): Verflochtene Waldgeschichten / Entangled Woods (= Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte; Bd. 50), Göttingen: Wallstein 2026, 303 S., 54 z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8353-5322-0, EUR 36,00

Rezension von:
Susanne Quitmann
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Quitmann: Rezension von: Gadi Algazi / Roii Ball / Sagi Schaefer (Hgg.): Verflochtene Waldgeschichten / Entangled Woods, Göttingen: Wallstein 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/10/41047.html


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