Rezension über:

Andreas Speer / Robert Maximilian Schneider (Hgg.): Curiositas (= Miscellanea Mediaevalia; Bd. 42), Berlin: De Gruyter 2022, XXIII + 684 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-11-079241-6, EUR 199,95
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Rezension von:
Paul Srodecki
Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Paul Srodecki: Rezension von: Andreas Speer / Robert Maximilian Schneider (Hgg.): Curiositas, Berlin: De Gruyter 2022, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/37418.html


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Andreas Speer / Robert Maximilian Schneider (Hgg.): Curiositas

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Der Sammelband Curiositas, herausgegeben von Andreas Speer und Robert Maximilian Schneider, stellt sich einer der schillerndsten und zugleich umstrittensten Kategorien mittelalterlicher Geistesgeschichte. Neugier erscheint in vormodernen Diskursen als ambivalentes Phänomen: einerseits als Motor von Erkenntnis, Staunen und Weltaneignung, andererseits als moralisch riskante Überschreitung, die das rechte Maß des Wissens verfehlt. Der Band nimmt diese Spannung ernst und verfolgt das Ziel, curiositas aus einer engen, normativ-theologischen Verengung zu lösen und in ihrer begrifflichen, kulturellen und institutionellen Vielfalt sichtbar zu machen.

Bereits der konzeptionelle Ansatz ist dabei bewusst weit gefasst. Die Beiträge, hervorgegangen aus der 42. Kölner Mediävistentagung, verteilen sich auf sieben thematische Sektionen, die den zeitlichen Bogen von der Antike bis in die frühe Neuzeit spannen und zugleich ein breites Spektrum disziplinärer Zugriffe versammeln. Philosophie- und Theologiegeschichte stehen neben Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaft, ergänzt durch Perspektiven auf materielle Kultur, Reisepraktiken und Geschlechterdiskurse. Diese Interdisziplinarität gehört zweifellos zu den großen Stärken des Bandes, erlaubt sie doch, curiositas nicht als statischen Begriff, sondern als bewegliches Deutungsmuster in unterschiedlichen Kontexten zu erfassen.

Zugleich offenbart gerade diese thematische und methodische Offenheit eine zentrale Schwierigkeit des Projekts. Der Begriff der curiositas fungiert vielfach eher als heuristische Klammer denn als präzise analytische Kategorie. Die Bedeutungsnuancen reichen von epistemischem Erkenntnisdrang über moralisch bewertete Wissbegier bis hin zu ästhetischem Staunen oder sozial codiertem Begehren. Diese Vieldeutigkeit wird zwar programmatisch reflektiert, jedoch nicht immer systematisch eingeholt. Die Beiträge stehen häufig additiv nebeneinander, ohne dass ihre jeweiligen Begrifflichkeiten explizit aufeinander bezogen oder in eine übergreifende Typologie überführt würden.

Inhaltlich zeigt sich dennoch ein roter Faden: Immer wieder wird deutlich, dass mittelalterliche Diskurse Neugier nicht grundsätzlich verdammten, sondern an Bedingungen knüpften. Maß, Zielgerichtetheit und Einbindung in eine moralisch legitimierte Ordnung entscheiden darüber, ob curiositas als Tugend oder als Laster erscheint. Zahlreiche Beiträge arbeiten diese Grenzziehungen überzeugend heraus. Besonders fruchtbar sind dabei Fallstudien, die konkrete Akteure und Diskurse in den Blick nehmen - etwa die skeptische Haltung Petrarcas gegenüber scholastischer Wissensakkumulation oder die inner-theologischen Konflikte um spekulative Grenzüberschreitungen in der Mariologie. Hier zeigt sich, dass Neugier nicht nur ein individuelles Laster, sondern ein strukturierendes Element gelehrter Debatten war, dessen Bewertung stets neu ausgehandelt wurde.

Stark vertreten ist auch die Auseinandersetzung mit theologischen Leitbegriffen wie humilitas, superbia oder avaritia, die als normative Gegenpole zur curiositas fungieren. Besonders überzeugend sind jene Beiträge, die Neugier nicht isoliert betrachten, sondern in moralökonomische Zusammenhänge einbetten und ihre Nähe zu Begehren, Macht und sozialer Distinktion herausarbeiten. Gleichwohl bleibt auffällig, dass die anthropologische Dimension - etwa die Frage nach einem desiderium naturale sciendi - zwar immer wieder aufgerufen, aber selten systematisch vertieft wird.

Ein weiteres zentrales Feld bildet die räumliche und kulturelle Ausweitung der Neugier. Reisen, Pilgerfahrten und diplomatische Missionen erscheinen als Praktiken, in denen Neugier in konkrete Handlungsmuster übersetzt wird. Besonders instruktiv ist hier die Beobachtung, dass empirische Erfahrung zunehmend als legitime Wissensquelle anerkannt wird - selbst in hoch normierten kirchlichen Kontexten. Diese Entwicklungen relativieren das verbreitete Narrativ einer erst in der Renaissance einsetzenden "Entdeckung der Neugier" und verorten neugiergeleitete Erkenntnisprozesse deutlich im hohen und späten Mittelalter.

Gleichzeitig bleibt die Epochengrenze unscharf. Der Übergang von mittelalterlichen zu frühneuzeitlichen Wissensordnungen wird zwar thematisiert, aber nicht konsequent analytisch durchdrungen. Hier zeigt sich eine der zentralen verpassten Chancen des Bandes: Eine stärkere diachrone Zuspitzung hätte nicht nur die longue durée der curiositas sichtbar gemacht, sondern auch Brüche, Verschiebungen und Neuakzentuierungen deutlicher herausarbeiten können.

Trotz dieser Einwände überzeugt der Band durch seine Materialfülle, editorische Sorgfalt und wissenschaftliche Dichte. Nahezu alle Beiträge bewegen sich auf hohem Forschungsniveau, und die internationale, mehrsprachige Bibliographie unterstreicht den Anspruch, curiositas als gesamteuropäisches Phänomen zu begreifen. Besonders verdienstvoll ist die implizite These, dass Neugier als anthropologische Konstante verstanden werden kann, deren Bewertung jedoch stets kulturell, theologisch und institutionell codiert ist.

Insgesamt legt Curiositas keinen abschließenden Begriff vor, sondern ein offenes Forschungsfeld. Der Band lädt weniger zur schnellen Synthese als zur kritischen Weiterarbeit ein. Gerade darin liegt seine Stärke: Er zeigt, dass Neugier im Mittelalter weder bloßes Laster noch ungebrochene Tugend war, sondern ein dynamisches Spannungsfeld, in dem sich zentrale Fragen vormoderner Wissenskulturen bündeln. Für die Mediävistik wie für die Kulturwissenschaften insgesamt stellt der Sammelband damit einen gewichtigen und langfristig wirksamen Impuls dar.

Paul Srodecki