Rezension über:

Daniel Richter: Die Schweden kommen. Stadteroberungen als soziale Praxis im Dreißigjährigen Krieg (1630-1632), Hannover: Wehrhahn Verlag 2023, 528 S., 19 s/w-Abb., ISBN 978-3-98859-009-1, EUR 40,00
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Rezension von:
Ralph Tuchtenhagen
Nordeuropa-Institut, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Ralph Tuchtenhagen: Rezension von: Daniel Richter: Die Schweden kommen. Stadteroberungen als soziale Praxis im Dreißigjährigen Krieg (1630-1632), Hannover: Wehrhahn Verlag 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/39025.html


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Daniel Richter: Die Schweden kommen

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Im Zentrum des Untersuchungsinteresses der vorliegenden Dissertation steht die "Logik von Stadteinnahmen" (17) im Rahmen der Feldzüge des schwedischen Königs Gustav II. Adolf (1630-1632) während des Dreißigjährigen Krieges. Dabei geht Richter weniger von theoretischen, quasi normativen Erkenntnissen bezüglich der Einnahme von Städten aus; vielmehr wählt er einen praxeologischen Zugang. Es geht ihm um die Regelhaftigkeit, die Muster, Routinen, und "sinnhaften Handlungsweisen" (25), die sich bei einer Analyse "körperlich" vollzogener, stets wiederholter Praktiken von Stadteroberungen ergeben. Um solche sinnhaften Handlungsweisen zu identifizieren, lassen sich unterschiedliche Untersuchungsobjekte und Phänomene in den Blick nehmen - angefangen "von Belagerungen, Plünderungen und blutigen Stadterstürmungen über Verhandlungen und Unterwerfungsrituale bis hin zu feierlichen Einzügen, Huldigungen und Festivitäten" (Umschlagtext). Unter körperlich vollzogenen Praktiken versteht Richter nicht nur den Gebrauch des menschlichen Körpers, sondern auch von Artefakten (Leitern, Kanonen und andere Waffen) und deren Wegnahme ("Raub", "Beute") sowie "räumliche Arrangements" (Laufgräben, Mauern u.a.), die bei der Stadteroberung strategische und taktische Vorteile boten. Sinnhafte Handlungsweisen verkörperlichen sich zudem in schriftlichen Artefakten wie Briefen, Verträgen und ähnlicher Textüberlieferung. Insgesamt ordnet Richter seine Untersuchung nach eigener Einschätzung vor allem in das Forschungsfeld der "Material Culture Studies" ein.

Nicht alle Belagerungen und Besetzungen von Städten zeigten regelhafte und gleichbleibende Muster. Solche mit Unregelmäßigkeiten verbundenen dauerhaften Modifikationen von Belagerungs- und Einnahmemustern werden sichtbar selbst in einem so kurzen Zeitraum wie in den in der vorliegenden Publikation untersuchten Jahren des Vormarsches "von der Ostsee bis nach München" (7) unter dem schwedischen König Gustav II. Adolf. Sie zeigen, dass man bei der Suche nach strukturellen Regelmäßigkeiten mit einer gewissen Dynamik rechnen muss. Und dies wiederum führt dazu, dass eine rein strukturalistische Analyse zu kurz greift. Vielmehr schimmert in Richters Untersuchung ein strukturdynamischer Ansatz durch, der die Beschreibung eines vorhandenen Systems oder Clusters von Handlungsstrukturen ständigen Veränderungen unterwirft.

Historische Quellen, die eine so angelegte Untersuchung unterstützen, findet Richter vor allem in Form von Selbstzeugnissen (Tagebüchern, Chroniken u.ä.) und in der zeitgenössischen Publizistik - darunter besonders Flugblätter, aber auch die in der Forschung hinlänglich bekannten Werke wie das "Theatrum Europaeum" oder die Darstellungen zum Kriegsverlauf der kaiserlichen bzw. schwedischen Hofhistoriographen Franz Christoph von Khevenhüller (1588-1650), Bogislaw Philipp von Chemnitz (1605-1678) und Samuel von Pufendorff (1632-1694) oder des sächsischen evangelischen Pfarrers Matthaeus Lungwitz (1582-1655). Es wird dabei jedoch nicht deutlich, ob Richter diese "historische Werke" (S. 33) genannten Chroniken bzw. historiographischen Darstellungen ebenfalls zu den Selbstzeugnissen oder zur Publizistik zählt oder ob er sie als eigenständige Quellengattung wahrnimmt - was, je nach Einordnung, zu unterschiedlichen quellenkritischen Bewertungen führen würde.

Die eigentliche Durchführung der Untersuchung beginnt mit dem zweiten Kapitel, in dem Richter die Erwartungen und die Vorbereitung schwedischer Stadteinnahmen durch die Stadtbevölkerungen behandelt. Dabei räsoniert er über das Vorwissen von Stadteinnahmen, über praktische Vorbereitungen und über Flucht, Rückzug und Evakuierung im Vorfeld von Belagerungen. In Kapitel 3 widmet er sich dem tatsächlichen Belagerungsgeschehen "vor der Stadt" (Aufforderung, Verhandlungsberatungen, Belagerungspraktiken, Verhandlungen mit dem Gegner, Akkord-Beratungen, Medien der Einigung). Kapitel 4 analysiert den Einbruch in die Stadt (Abzugspraktiken, Einzugspraktiken, Erstürmung, Massaker, Mischpraktiken zwischen Akkord und Stürmung). Kapitel 5 beschreibt das Besatzungsregime (Eide, öffentliche Versprechen, Eingriffe in politische und rechtliche Vorrechte der Magistrate, Verwaltungsinterventionen, Eroberungs-/Befreiungsfestivitäten und -geschenke, Kontributionen, Raub, Beschlagnahme u.ä.). Das 6. Kapitel untersucht die besetzten Städte in ihrer Eigenschaft als temporäre oder dauerhafte Residenzen der Besatzer (Quartier des Königs, gegnerische Residenzen und Beutenahme, Kapelle der gegnerischen Residenz). Kapitel 7 widmet sich der Einnahme und Besetzung städtischer Kirchenbauten (königliche Besuche, Schicksal der katholischen Geistlichkeit). Kapitel 8 bewertet die militärische Bedeutung der eingenommenen Städte (kampffähige Bevölkerung, schwedische Besatzungssoldaten, Bauwerke als militärischer Faktor). Den "Schluss" bildet eine ausführliche Zusammenfassung, die die empirischen Befunde noch einmal auf die anfangs besprochenen Analysekategorien zurückführt (454-468), angesichts zahlreicher Beispiele, die bereits während der vorhergehenden Kapitel analysiert wurden, allerdings unnötig überladen wirkt. Ein Anhang mit Quellen- und Literaturverzeichnis, "Chroniken" und einem Abbildungsverzeichnis beschließt die Monographie.

Auffällig bleibt bei alledem das weitgehende Fehlen einer Darstellung der im engeren Sinne militär- und politikgeschichtlichen Kontexte. Sie wären für die Analyse insofern wichtig gewesen, als die Belagerung und Einnahme von Städten ja oft erst aus dem größeren militärischen Zusammenhang, aus den übergeordneten Strategien und Zielen der Machthaber begreifbar wird und dann wiederum in ein Gesamttableau der schwedischen Kriegsführung eingeordnet werden kann. Überraschend ist weiter der Befund, dass eine gewaltsame Einnahme von Städten eher die Ausnahme bildete. Die Angst vor der Gewalt der schwedischen Soldateska prägte die Vorbereitung und das Verhalten der Städte während der Belagerung oft stärker als deren tatsächliches Handeln während der Stadteinnahme und danach. Für angstgeleitetes Verhalten spielte das hohe Tempo des schwedischen Vorrückens eine zentrale Rolle. Dazu passt auch, dass die Stadtbewohner ihr Heil eher in der Flucht suchten als Widerstand zu leisten oder, alternativ, rasch bereit waren, mit den Schweden Kapitulations-, Kontributions- und Bündnisverträge zu schließen. Wenig überraschend hingegen erscheinen die Unterschiede, die schwedische Befehlshaber bei der Behandlung von evangelischen (subtile Gewaltandrohung) und katholischen (martialische Gewaltandrohung), Residenz- und freien Bürgerstädten machten. Stets ging es dabei um die Frage, welche Art von Unterstützung die eroberten Städte der schwedischen Armee bieten konnten. In diesem Zusammenhang ist besonders das ausgefeilte schwedische Eroberungs- und Besatzungsinstrumentarium interessant, das Richter überzeugend herausarbeiten kann. Es reichte von Drohungen, Eiden und Akkorden über Gnadenerweise, Salvaguardien, Brandschatzungsverträge, Kontributionen, Treuebriefe, den Austausch städtischer Eliten in katholischen Städten bis hin zur Kooperation mit städtischen Eliten, zu Ratsumbesetzungen, Befreiungsfesten oder Güterwegnahmen (Caduca) und Neuverteilungen. Dabei betont er, dass die schwedischen Stadteroberungen nur selten von blanker Gewalt (Plünderungen, Massaker, Vergewaltigungen u.a.) geprägt waren, sondern meist auf kontraktueller Basis zu Stande kamen.

Redaktionell leidet Richters Untersuchung bisweilen daran, dass sie eine nicht weiter begründete Groß- und Kleinschreibung einzelner Begriffe verwendet, die den geltenden Rechtschreibregeln oft widerspricht. Außerdem finden sich gelegentlich "stehengebliebene Wörter". Störend wirkt auch der inflationäre Gebrauch der Begriffe "Sinnstiftung" oder "sinnstiftend", ohne dass deutlich wird, welchen heuristischen und hermeneutischen Wert sie jeweils besitzen.

Insgesamt handelt es sich bei Richters Monographie um einen überaus wertvollen Beitrag zum besseren Verständnis der Verhandlung von Machtverhältnissen in lokalen Konfliktsituationen des Dreißigjährigen Krieges. Der gewählte Zeitraum, die Periode Gustav Adolfs (1630-1632), erscheint jedoch als zu kurz, um repräsentative Aussagen für Stadteinnahmen während des Krieges insgesamt treffen zu können. Gleichwohl wird man sagen können, dass hier ein Anfang gemacht ist. Er eröffnet eine neue Perspektive, und es steht zu hoffen, dass sich die historische Forschung des Themas annimmt und unsere Kenntnisse über die Phänomenologie von Stadteinnahmen während des Dreißigjährigen Krieges Stück für Stück erweitert.

Ralph Tuchtenhagen