Hans Lohmann: Türme, Burgen und Compounds. Ein Beitrag zur Siedlungskunde von Karien (= Asia Minor Studien; Bd. 105), Bonn: Verlag Dr. Rudolf Habelt 2024, X + 512 S., 105 Farb-Abb., ISBN 978-3-7749-4453-4, EUR 129,00
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Kaum jemand hat sich in der archäologischen Surveyforschung zu Karien mehr Verdienste erworben als der 2023 während der Drucklegung des hier vorzustellenden Buches viel zu früh verstorbene Hans Lohmann. Vor allem von der Bodrum-Halbinsel bis nach Westlykien hinein haben seine Forschungen den Bestand an bekannten Siedlungsbefunden über die letzten Jahrzehnte signifikant erweitert und die Forschung beflügelt; in nicht wenigen Fällen waren seine Surveys und Reisen die Vorarbeiten intensiverer Surveys und Grabungen anderer. Dies wird sicher auch mit dem hier vorzustellenden Buch erreicht werden, das Material aus drei Feldfoschungskampagnen des Autors aus den Jahren 2014, 2022 und 2023 in der heutigen türkischen Provinz Muğla vorlegt und mit älteren Forschungsergebnissen des Autors sowie mit Surveyprojekten anderer in Bezug setzt. Da bei diesen Kampagnen weder Oberflächenfunde (was Keramik einschließt) aufgelesen noch Vermessungsgeräte eingesetzt werden durften, behandelt Lohmann seine Ergebnisse mit der gegebenen Vorsicht.
Seine Feldforschungen waren zwar weitgehend flächendeckend, vor allem aber auch fragestellungsorientiert und dabei nicht geographisch beschränkt. Hauptziel Lohmanns ist neben der erstmaligen Aufnahme und Präsentation vieler neuer Befunde eine Klassifizierung fest gebauter ländlicher Siedlungen und Einzelgebäude nach fortifikatorischer, ökonomischer und siedlungshierarchischer Funktion. Die Begriffe Türme/Turmgehöfte, Pyrgia, Burgen, Dynastensitze, Festungen finden sich in der aktuellen Siedlungsforschung für feste
Gebäude(-komplexe), aber häufig fehlen dabei Belege für diese Funktionsbezeichnung. Oft handelt es sich (auch) um Villen, Gehöfte, Hirtenstationen etc., so dass sich die Terminologie häufig als unklar darstellt. Mit seiner Arbeit bringt Lohmann etwas System in diese Vielstimmigkeit. In einem ersten Überblicksteil (Kapitel 3: "Versuch einer siedlungsarchäologischen Klassifizierung") kommt er zu einer Fülle von kritischen Einzelergebnissen, die hier alle darzulegen nicht der Ort ist. Besonders hervorgehoben sei aber seine Aufteilung von ländlichen Türmen in drei Kategorien (Lehmziegeltürme auf Steinsockel; Türme, die mindestens bis in Höhe des Türsturzes aus Stein gebaut waren; vollständig aus Stein errichtete Türme).
Der analytische Teil fällt demgegenüber recht kurz aus. Lohmann kann mit seinen Surveyergebnissen vor allem die schon seit Längerem in der Forschung immer mehr an Plausibilität gewinnende These bestätigen, dass Türme und andere Befestigungen in der Chora in aller Regel zu landwirtschaftlichen Komplexen gehören. Es handelt sich meistens um Turmgehöfte, also "Gehöfte, die zu ihrem Schutz, aber auch zu Zwecken der Statusdemonstration und Statusrepräsentation mit mehr oder weniger aufwändigen Turmbauten ausgestattet sind" (149). Quellen oder Belege für den Zusammenhang solcher Fortifikationen mit dem Statusdenken der Eigentümer solcher Turmgehöfte liefert Lohmann nicht. Folgerichtig stellt er aber fest, dass "allen Vorstellungen, dass Türme in einer Landschaft des 5., 4. oder 3. Jh. integrale Bestandteile eines übergreifenden, staatlich organisierten Verteidigungs- oder Kommunikationssystems bildeten ... mit Nachdruck zu widersprechen [ist]". Ein weiteres Verdienst seiner Forschungen ist, dass er die meist weniger beachteten (und auch weniger verbreiteten, vielmehr auf die Bodrum-Halbinsel beschränkten) Compounds und Blockhäuser Kariens in den ländlichen Siedlungskontext einordnet.
Ebenfalls eingeordnet werden in diesem Kapitel die zuvor einzeln vorgestellten 'Dynastensitze'. Hierzu beruft sich Lohmann stark auf von ihm vermutete Parallelen zu Lykien, wobei freilich in Karien dieselben Unsicherheiten zu Chronologie, Status und Verhältnis zu etwa übergeordneten politischen Strukturen bestehen wie dort. Als Arbeitsdefinition eines solchen 'Dynastensitzes' dient Lohmann daher "neben der ausgeprägten Sicherheitslage und einer Wehrmauer ... ein mächtiger Turm als Hauptmerkmal" (74). In der verhältnismäßig großen Zahl von 21 solcher Anlagen dürfte sich in jedem Fall die politische Kleinräumigkeit der Region widerspiegeln.
Im Katalogteil (153-359) findet sich eine häufig auf Autopsie beruhende detaillierte Beschreibung aller herangezogenen Bauten mit den geographischen Koordinaten, weiterführenden Literaturhinweisen sowie bei einigen auch auf Handvermessung beruhende Skizzen. Es folgen eine ausgedehnte Bibliographie, das Abbildungs- und Tafelverzeichnis sowie die in großartiger Qualität reproduzierten 105 Tafeln. Seine Befunde hat Lohmann darüber hinaus noch in 14 nach Kategorien organisierten Tabellen zusammengestellt. Der Band ist auch ansonsten sehr sorgfältig produziert und redigiert. Tipp- bzw. redaktionelle Fehler sind nahezu nicht vorhanden, und der klare, immer auf die Sache bezogene Stil macht die Lektüre leicht.
An diese anregende Materialvorlage und Systematik dürften sich bald zahlreiche weiterführende Forschungsarbeiten anschließen. Teilweise hat dies, wie zu erwarten, bereits begonnen. Der Forschungsstand dieses Bandes ist im wesentlichen der der 2010er Jahre, und so ist inzwischen etwa der antike Ort bei Kozpınar nicht mehr, wie Lohmann mit der gesamten früheren Forschung meint, der alleinige Kandidat für das antike Kalynda. [1] Weitere, wesentlich breiter zu fassende Fragen sind ebenfalls noch offen. Deutet die Ablösung kleinerer Siedlungsstellen durch größere Turmgehöfte etwa wirklich auf eine Konzentration des Grundbesitzes hin (so Lohmann, 19), oder spiegelt sich darin eher eine Transformation in der Siedlungsweise der Eliten wider? Lassen sich Lohmanns Kategorien nach Baugröße und Qualität der Architektur im Hinblick auf die soziale und ökonomische Rolle noch verfeinern? Wie unabhängig konnte bzw. wollte die an diesen Orten lebende ländliche Elite vor und besonders unter den Hekatomniden wirklich sein, ist also die Bezeichnung als 'Dynasten' (die Lohmann als "Herrscher, Machthaber", oder gar "erbliche(n) Herrscher" versteht) gerechtfertigt?
Nur zukünftige Detailforschungen an dem von Lohmann vorgelegten Surveymaterial und vor allem flankierende literarische wie epigraphische und numismatische Studien werden hierzu Antworten geben können. [2] Das gilt im archäologischen Detail auch dort, wo Lohmann mangels der Möglichkeit eines eigenen Besuchs noch auf Google Earth vertrauen muss. Sein selbstgestecktes Ziel jedenfalls erreicht das äußerst willkommene Buch mit einer ersten vorsichtigen Klassifizierung der besprochenen, fest gebauten ländlichen Siedlungsplätze ohne Zweifel. Und mehr als das. Es dürfte für alle künftigen Forschungen zum ländlichen Karien, soweit es die heutige Provinz Muğla betrifft, zum unerlässlichen Arbeitsmittel werden.
Anmerkungen:
[1] F. Onur: Likya-Karya Sınırında Kalinda, in: Cedrus 9 (2023), 183-213.
[2] Diese Quellengattung werden in diesem Band nur sporadisch und etwas unkritisch einbezogen. Dies bringt Lohmann etwa zu der Fehlinterpretation, "schon die Granden der Späten Republik [errichteten] Villen, die Militärlagern glichen (Sen. Ag. epist. 51, 11-12 [sic!])." Die angeführte Stelle und der angebliche militärische Charakter der Villen des Marius, Pompeius und Caesar aus Sen. epist. 51 ist schon lange als Scherz erkannt worden: E. Lefèvre: Der Mensch und sein Schicksal aus stoischer Sicht, in: AU 26.3 (1983), 70.
Werner Tietz