Juliette Eyméoud: Le siècle du célibat. Des célibataires nobles en France au XVIIe siècle, Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2025, 302 S., Diverse s/w-Abb., ISBN 978-2-7535-9664-1, EUR 25,00
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Peter von Moos (Hg.): Unverwechselbarkeit. Persönliche Identität und Identifikation in der vormodernen Gesellschaft, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004
Evamaria Engel / Frank-Dietrich Jacob: Städtisches Leben im Mittelalter. Schriftquellen und Bildzeugnisse, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006
Réjane Gay-Canton: Entre dévotion et théologie scolastique. Réceptions de la controverse médiévale autour de lImmaculée Conception en pays germaniques, Turnhout: Brepols 2011
Juliette Eyméoud hat mit ihrer an der Universität Rennes entstandenen Qualifikationsschrift eine Studie vorgelegt, die von hohem methodischen Reflexionsniveau zeugt und in vielerlei Hinsicht unser Wissen über das Heiratsverhalten des französischen Hochadels verfeinert. Dabei kann sie von den Vorarbeiten einer jüngeren Adelsforschung profitieren, die sich in den letzten Dezennien radikal erneuert hat. Auch Juliette Eyméoud räumt mit allerlei Vorurteilen auf, die das dynastische Verhalten des französischen Hochadels betreffen. In ihren Quellen stößt sie auf eine große strategische Anpassungsfähigkeit und auf eine Vielfalt an Alternativen zum Eheleben, besonders im 17. Jahrhundert, das sie als "Zeitalter des Zölibats" in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit rückt. Das Zölibat sei grundsätzlich ein "evolutives Phänomen", mahnt sie einleitend, das der Kontextualisierung bedürfe. Es unterscheide sich radikal vom modernen Junggesellentum, das eine Erfindung des 18. Jahrhunderts sei (14).
Plastische Gestalt gewinnt Eyméouds "Zeitalter des Zölibats" gerade durch den konsequenten Vergleich mit dem 16. und mit dem 18. Jahrhundert, in dem die Familien immer kleiner werden, die Nuptialität mit 81 Prozent ihres Samples noch nie dagewesene Dimensionen erreicht und kirchliche Karrieren selbst für Frauen an Attraktivität einbüßen. Mit jedem Kapitel ihrer Arbeit wird auch immer deutlicher, dass die Geschichte (nicht nur) des hochadligen Zölibats zwei Gesichter zeigt: ein weibliches, das auf Entscheidungen fußt, die andere für die Mädchen treffen, und ein männliches, das nicht als eine Entscheidung gedacht wird, die unverrückbar ist, sondern bei Bedarf widerrufen werden kann ("célibat de circonstance"). Der Begriff 'célibataire' für ledige Personen, die nicht heiraten und keine kirchliche Karriere einschlagen, sei erst spät, um die Mitte des 18. Jahrhunderts gebildet worden (Neologismus). Als Selbstbezeichnung sei er aber nicht benutzt worden, weil er in der Gesellschaft zu negativ konnotiert gewesen sei (35-42). Bei Männern (Laienzölibat) hätten die Genealogen gewöhnlich die Wendung "sans alliance" gewählt, während sich bei den Frauen neben der "demoiselle" der Rechtsbegriff der "fille majeure" durchgesetzt habe, der auf die Geschäftsfähigkeit der Frauen abhebt.
Der Junggeselle sei im Verlauf des 18. Jahrhunderts zum Symbol des Geburtenrückgangs, des Antipatriotismus und des Egoismus geworden. Selbst die neuen Philosophen hätten in diesen Stimmenchor eingestimmt und im Namen der Ehe das Laienzölibat genauso verurteilt wie das Kirchenzölibat (39). An dieser Demontage mitgewirkt hätten nicht nur die Philosophen, sondern auch die Ärzte, die das gesundheitsgefährdende Potential der Ehelosigkeit (für Männer) beschworen (40). Der Ton habe sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts hörbar verschärft (42): "On voit alors se répondre traités médicaux, pamphlets philosophiques et représentations populaires qui développent tous le même thème: les célibatiares des deux sexes font courrir des risques à la société et n'offrent qu'un visage négatif." Eyeméouds Abstecher ins 18. Jahrhundert ist etwas irreführend; sie will ihn als Warnung verstanden wissen, diese uns nur zu vertrauten Bilder in die Jahrhunderte davor zu projizieren. Solche Rückprojektionen seien falsch und versperrten das Verständnis der zölibatären Andersartigkeit der vormodernen Adelsgesellschaften.
Juliette Eyméoud hat für ihre Untersuchung vier hochadlige Familien ausgewählt: die Courtenay, Béthune, Harlay und Lameth. Ihr Untersuchungszeitraum erstreckt sich auf zwei Jahrhunderte (1550-1750), in denen sie auf 648 Individuen stößt, die sie aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit in vier Kohorten unterteilt (66). Ihre Quellengrundlagen sind die Genealogien, die sich in dieser Zeit der adeligen Neubestimmung allenthalben häufen, sowie die Notariatsakten, in denen sämtliche güterrechtliche Transaktionen festgehalten sind (23-35).
Eyméouds "Typologie des Zölibats" umfasst das klerikale und das Laienzölibat; das eine korreliert mit dem anderen. Mit der Profess verlören Mönche und Nonnen ihren Anspruch auf das väterliche und mütterliche Erbe. Einfache Mönche fänden sich allerdings nicht in ihrem hochadeligen Sample, sondern ausschließlich Äbte, Bischöfe und Erzbischöfe sowie viele Malteser (viele ohne nachweisbare Profess). Manch einer habe das Dasein als Bischof oder Erzbischof dem Ehestand im Übrigen auch vorgezogen (117-120). In dieser Geschichte ist also nicht alles nur Zwang. Den Frauen werde ihre Bestimmung mit der Wahl eines sprechenden Vornamens (Angélique, Christine oder Madeleine) schon bei der Taufe in die Wiege gelegt, während sich die Namen der Männer mit der Position in der Erbfolge verändern können (89-94). Verheiratet würden die Frauen im Durchschnitt mit 21 Jahren, die Männer mit 28 Jahren (53). Bei den Männern, die später heirateten, zeige es sich (61), "que la pensée du célibat définitif s'impose plus difficilement à l'esprit d'un noble du XVIIe siècle." Einen Zusammenhang zwischen Geschwisterzahl und Zölibat kann die Autorin nicht erkennen (72): "Il n'y a donc pas corrélation exacte entre la taille de la fratrie et l'accès au mariage, du moins pour ce qui est des fratries de plus de deux." "Fratrie" bedeutet Geschwister. Die wichtigste Neuerung sei, dass das Laienzölibat im 17. Jahrhundert auch für Frauen eine Option wurde (78).
Das eigentliche Highlight der Arbeit ist das Kapitel sieben, in dem sich Juliette Eyméoud mit dem Lebensstil der zölibatären Frauen und Männer befasst (159-192). Außer der Forschung zu den städtischen 'Single Women' tut das gewöhnlich keiner. Das Ergebnis mag vielleicht wenig überraschen, wird dabei doch primär der "logique de résidence collective et transgénérationelle" gefolgt. Bei dieser Art Koresidenz sei die Unterordnung unter den Hausherrn (den ältesten Bruder) häufig sehr stark. Andere wohnten bei ihren Eltern oder bildeten Hausgemeinschaften mit ihren geistlichen Geschwistern; bei Fragen der Residenz spiele das Geschlecht im Übrigen keine zentrale Rolle. Die meisten zögen jedoch das Leben in der Familiengemeinschaft vor, nur wenige lebten alleine, die einen, weil sie einen ausgeprägten Hang zur Unabhängigkeit hätten, die anderen, weil sie verarmt waren. Die Frage nach den Lebensformen verlange es, über Wahlmöglichkeiten und Freundschaften nachzudenken; aber auch das Liebesleben der Zölibatären müsse in Betracht gezogen werden (193-213). Das Kapitel befasst sich allerdings mehr mit Vorstellungen denn mit Praktiken. Die Untersuchung endet mit dem Tod der Protagonisten beziehungsweise ihren Testamenten, die ihre Einbindung in das Gedächtnis der Familie offenlegten (215-236).
Juliette Eyméoud hat mit ihrer Qualifikationsschrift Bemerkenswertes geleistet. Auf dünnem Eis bewegt sie sich da, wo sie aus ihrer Untersuchungsgruppe hinaustritt und Vergleiche wagt, ohne das Behauptete zu prüfen (67). Auch die vielen Tabellen - einige wären verzichtbar - stören den Lesefluss. Aber das Gesamtbild, das sie von einem 17. Jahrhundert entwirft, in dem sich der Adel deutlich anders verhält als vorher und nachher, überzeugt und lädt ein, mehr Vergleichsstudien zu wagen. Die Autorin lässt nicht daran zweifeln, dass die Unverheirateten dazu gehören, wichtig sind, obwohl sie im soziologischen Verständnis des Wortes keine eigene Gruppe bilden.
Gabriela Signori