Stefan Rindlisbacher / Eva Locher / Damir Skenderovic (Hgg.): Transnational, kolonial, aktuell. Neue Perspektiven auf die Geschichte der Lebensreform, Basel: Schwabe 2025, 232 S., ISBN 978-3-7965-5212-0, EUR 48,00
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Zunehmend wird die in vielerlei Hinsicht aktuelle Geschichte der Lebensreform aus transnationaler sowie gegenwartsbezogener Perspektive untersucht. [1] In diesen Trend fügt sich auch der von Demir Skenderovic, Stefan Rindlisbacher und Eva Locher herausgegebene Sammelband "Transnational, Kolonial, Aktuell. Neue Perspektiven auf die Geschichte der Lebensreform" an, der auf die Abschlusskonferenz eines Forschungsprojekts zur Lebensreform an der Universität Fribourg zurückgeht und Beiträge von Forschenden aus der Schweiz, Deutschland, und Frankreich zusammenbringt.
Im ersten Abschnitt des Bandes finden sich Forschungsüberblicke und programmatische Beiträge. In der Einleitung plädieren die Herausgeber*innen für einen breiteren Lebensreformbegriff, denn es sei gerade dessen Engführung bei Wolfgang Krabbe und anderen gewesen, die eine transnationale Perspektive verhindert habe. Wie Bernd Wedemeyer-Kolwe im folgenden Beitrag argumentiert, seien transnationale Ansätze bereits in der früheren Forschung verfolgt worden. Der folgende Beitrag Detlef Siegfrieds vergleicht Lebensreform um 1900 und Alternativmilieu um 1800. Während beide sich durch den Grundgedanken eines gesellschaftlich-kulturellen Wandels durch Arbeit des Individuums an sich ausgezeichnet hätten, habe der Austausch mit der außereuropäischen Welt, vor allem mit Indien, im Alternativmilieu eine deutlich größere Rolle gespielt, seien doch Fernreisen um 1890 deutlich günstiger und unkomplizierter geworden.
Im folgenden Teil widmen sich drei Beiträge transnationalen Perspektiven auf die Geschichte der Lebensreform. Johannes Bosch plädiert zwar dafür, die Ansätze der histoire croisée und der entangled history stärker einzubringen, was er anschließend am Beispiel des französischen Lebensreformers Jacques Louis Buttner, der sich kritisch mit der deutschen Lebensreform auseinandersetzte, illustriert. Leo Barnard betrachtet vertieft die Publikationen des zwischen Frankreich und den USA lebenden Buttner, vor allem im Hinblick auf die Aneignung theosophischen Gedankenguts. Alexandra Hondermarck konstatiert eine lebhafte Zirkulation von Wissen zwischen Frankreich, Belgien und der Schweiz innerhalb der vegetarischen Bewegung in den vier Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg.
In der folgenden Sektion untersuchen zwei Beiträge das widersprüchliche und oft problematische Verhältnis der Lebensreform zu Körper und Sexualität, insbesondere im Hinblick auf Pädophilie. Sven Reiß zeigt in seinem Aufsatz, dass Päderastie innerhalb der lebensreformerischen Jugendbewegung fest verankert war und Missbrauch begünstigte, der jedoch häufig verschwiegen wurde. Eva Locher argumentiert unter anderem am Beispiel des Schweizer Lebensreformers und Nudisten Werner Zimmermann, dass sich die Lebensreform zwar vordergründig durch ein relativ restriktives Verhältnis zur Sexualität ausgezeichnet habe, jedoch zugleich in lebensreformerischen Zeitschriften objektifizierende Aktbilder publiziert und pädophile Tendenzen artikuliert worden seien.
Im letzten Teil gehen vier Aufsätze den Verflechtungen zwischen Lebensreform und Kolonialismus nach. Stefan Rindlisbacher und Demir Skenderovic zeigen auf, dass Schweizer Lebensreformer koloniale Diskurse sowohl aufgriffen als auch beförderten, ein Ergebnis, zu dem auch Anna Brasch in ihrem Kapitel zur deutschen Lebensreform gelangt. Michael Homburg arbeitet am Beispiel der Zeitschrift Der Vortrupp die widersprüchliche Position deutscher Lebensreformer zum Kolonialismus heraus. Vor allem am Beispiel des oft als kolonialkritisch bezeichneten Hans Paasche erläutert er, dass Protagonisten sich häufig sowohl kritisch als auch affirmativ äußerten. Camille Auboins folgender Beitrag zu Paasche, der sich auf dessen Ansichten zum Vegetarismus sowie zur kolonialen Jagd konzentriert, betont ebenfalls diese Ambivalenzen.
Insgesamt leistet der Band einen wichtigen Beitrag zur Forschung. Allerdings betonen diese Beiträge zugleich die Asymmetrie der als kolonial beschriebenen Begegnungen. Dabei geraten mehrere Faktoren aus dem Blick. Erstens wurden manche außereuropäischen Akteure innerhalb der Lebensreform durchaus wahrgenommen. Auch hielten sich bereits vor 1970 westliche Reformer und Reformerinnen in Indien auf. Zweitens war die Wissensproduktion, die im Kontext von Begegnungen zwischen europäischen Lebensreformer*innen und der außereuropäischen Welt stattfand, keineswegs nur das Werk europäischer Protagonistinnen und Protagonisten. Denn - drittens - gab es lebensreformerische Bestrebungen durchaus auch, zum Beispiel in Südasien, vielfach mit kolonialkritischer Stoßrichtung, wozu bereits erste Forschungsergebnisse vorliegen. [2] Diesen Themenkomplexen sollten sich künftige Forschungen verstärkt zuwenden, denn eine Geschichte der Lebensreform, die auf deren koloniale Aspekte abhebt, sollte trotz aller Asymmetrie derartiger Machtverhältnisse auch außereuropäische Akteure berücksichtigen.
Anmerkungen:
[1] Zu den Studien, welche die Lebensreform bis in die Gegenwart verfolgen, zählen etwa Florentine Fritzen: Gemüseheilige: eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016; Jörg Albrecht: Vom "Kohlrabi-Apostel" zum "Bionade-Biedermeier". Zur kulturellen Dynamik alternativer Ernährung in Deutschland, Baden-Baden 2022. Eine Tagung auf Burg Ludwigstein 2023 widmete sich zudem der Geschichte der Lebensreform aus transnationaler und globaler Perspektive: Jakob Schneider: "Der Globus quietscht und eiert". Jugend- und Lebensreformbewegungen inter- und transnational, in: H-Soz-Kult, 21.12.2024.
[2] Siehe dazu etwa Leela Gandhi: Affective communities. Anticolonial thought, fin-de-siècle radicalism, and the politics of friendship, Durham 2006; Jessica R. Pliley / Robert Kramm / Harald Fischer-Tiné (eds.): Global Anti-Vice Activism: Fighting Drinks, Drugs and "Immorality", 1890-1950, Cambridge / New York 2016; Nico Slate: Gandhi's Search for the Perfect Diet, Seattle 2019.
Julia Hauser