John B. Freed: The Falkensteins. Losers and Winners in Medieval Bavaria (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters; Bd. 72), Stuttgart: Anton Hiersemann 2023, 519 S., 21 s/w-Abb., ISBN 978-3-7772-2305-6, EUR 188,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Sebastian Freudenberg: Trado atque dono. Die frühmittelalterliche private Grundherrschaft in Ostfranken im Spiegel der Traditionsurkunden der Klöster Lorsch und Fulda (750 bis 900), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2013
Tobias Küss: Die älteren Diepoldinger als Markgrafen in Bayern. Adelige Herrschaftsbildung im Hochmittelalter, München: Utz Verlag 2013
Florian Lamke: Cluniacenser am Oberrhein. Konfliktlösungen und adlige Gruppenbildung in der Zeit des Investiturstreits, Freiburg / München: Verlag Karl Alber 2009
Als ältestes Dokument, das die Rechte und Besitzungen einer Adelsfamilie aufzeichnet, ist der Codex Falkensteinensis eine Quelle von kaum zu überschätzendem Wert - nicht nur für die Erforschung des Adels und seines Selbstverständnisses, sondern auch als Quelle für die adlige Herrschaft und die Güterverwaltung sowie des ländlichen Lebens. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass John B. Freed dieses wichtige Dokument einer detaillierten Analyse unterzieht und in seinen historischen Kontext einordnet. Das gewichtige Werk beruht auf jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit dem 1166 entstandenen Manuskript, zu dem Freed erstmals 1975 publizierte, und beweist tiefe Vertrautheit mit dem Text, ohne dass der Autor dabei jemals in einen allwissenden Gestus verfällt. Stattdessen legt Freed konsequent jene Stellen offen, an denen kein gesicherter Nachweis möglich ist und an denen Orte, Person, Daten, Beziehungen und Ereignisse nur durch informierte Spekulation zu erschließen sind und scheut sich auch nicht, eigene ältere Annahmen zu korrigieren. Um es vorwegzunehmen: Jegliche zukünftige Beschäftigung mit dem Codex Falkensteinensis wird von diesem Buch auszugehen haben. Zugleich ist zu erwarten, dass weitere Forschung durch dieses Werk einen deutlichen Impuls erhalten wird.
Das Buch eröffnet mit einer Einleitung, die den Codex vorstellt und in sehr nützlicher Weise die Terminologie der Quelle erläutert, jedoch recht wenig auf die größere Forschungslandschaft eingeht und auch keine Fragestellung skizziert. Das erste Kapitel mit dem Titel "The Welf Century" (gemeint ist die Zeit zwischen 1070 und 1180, in der hauptsächlich Welfen als bayerische Herzöge tätig waren) behandelt den historischen Kontext der Entstehung des Codex und fokussiert vor allem Sigiboto IV., der die Anfertigung des Codex veranlasste und dessen Großvater Graf Sigiboto II. von Weyarn, den bedeutendsten Vorfahren Sigibotos IV. Bedeutend für die Herrschaft Sigibotos II., der bis 1118 zum engeren Kreis um Heinrich V. gehörte, war die Vogtei über Tegernsee. Seine Tätigkeit als Vogt wurde in den Tegernseer Quirinalia des Metellus deutlich kritisiert. Auch zu Sigiboto IV. kann Freed interessante neue Beobachtungen vorweisen: Es spricht einiges dafür, dass Sigiboto am Zweiten Kreuzzug teilgenommen hat, auch wenn sich dies nicht mit letzter Sicherheit belegen lässt.
Das zweite Großkapitel nähert sich dem Codex aus der Perspektive der Geschichte der Schriftproduktion und enthält ausführliche Überlegungen zu seiner Entstehungsgeschichte. Der Codex entstand im Kern vor der Abreise Sigibotos IV. auf Friedrich Barbarossas vierten Italienzug. Ziel war es, seinem Schwiegervater Kuno von Mödling, der während Sigibotos Abwesenheit als Vormund der minderjährigen Söhne des Grafen agieren sollte, bestmögliche Informationen über Ausmaß, Organisation, Einkünfte und Rechte von Sigibotos Herrschaften bereitzustellen. Nach seiner Rückkehr aus Italien ließ Sigiboto das Buch weiterführen, nun jedoch nahm es einen eher persönlichen Charakter an. Die Bedeutung, die das Buch für ihn besaß, zeigt sich unter anderem darin, dass er noch in den 1190er Jahren eine deutsche Übersetzung anfertigen ließ, die heute nur noch in Exzerpten erhalten ist. Freed betont zurecht den innovativen Charakter des Werks und geht mit guten Gründen davon aus, dass seine Anlage auf die Initiative des Grafen selbst zurückgeht.
Kapitel drei versucht Sigibotos Kenntnisse über seine Vorfahren in zeitgenössische Vorstellungen von Abstammung einzuordnen. Um diesen Kontext herzustellen, behandelt Freed in längeren Exkursen vor allem die Welfen, deren sich wandelnde Konzeption ihrer Abstammung ausführlich dargelegt wird. In vergleichbarer Weise nähert er sich anschließend den Babenbergern und den Wittelsbachern und stellt dabei den Erkenntnissen der genealogischen Forschung die Eigenkonstruktionen der Familien gegenüber. Gegen Karl Schmid betont Freed hier die Bedeutung weiblicher Erbgänge sowie die Abstammung von karolingischem Adel für die meisten der behandelten Familien. Für die ebenfalls thematisierten Familien - etwa die Andechser, Sulzbacher und Vohburger -, über deren eigene Konzeption ihrer Vorfahren nichts überliefert ist, bietet Freed Zusammenstellungen über die möglichen Abstammungsverhältnisse. Nach diesem längeren Exkurs in Kapitelform wendet sich der Autor im vierten Kapitel dann schließlich Sigibotos IV. Abstammung zu. Sein Wissen über diese war "limited and erroneous", denn er konnte nicht einmal den Vater seines Großvaters Sigiboto II., von dem er seine Rechte ableitete, korrekt identifizieren. Wiederum enthält das Kapitel längere Einschübe, etwa zum Hantgemal, dem Besitzstück, auf das Freiheitsrechte zurückgeführt wurden, und zur Schatzliste des Codex, die erkennen lassen, dass der Hauptsitz Sigibotos IV. vermutlich Neuburg gewesen sein dürfte. Im Zusammenhang mit der Genealogie wird notwendigerweise auch die Besitz- und Herrschaftsgeschichte der Familie thematisiert, denn beide stehen in direktem Zusammenhang. Kapitel fünf ("The Patriarch") befasst sich mit Sigibotos unmittelbaren Angehörigen sowie ihrem wechselhaften Verhältnis zu ihm. Sein großes Ziel war es, dass ihm seine ehelichen Söhne Sigiboto V. und Kuno in seinen Rechten nachfolgen konnten. Ausgehend von seiner Ehefrau Hildegard von Mödling beschreibt Freed hier die Entwicklung der Verhältnisse mit seinen nächsten Verwandten. Sigibotos (Halb?-)Bruder Herrand II. verstarb schon in den 1150er Jahren, und der letztendlich erfolgreiche Kampf um sein Erbe, das zunächst an die Witwe des Bruders Sophia von Vohburg und ihre Söhne gefallen war, sollte bis in die 1190er Jahre andauern. Darauf folgen Betrachtungen zur Rolle illegitimer Familienangehöriger.
Das sechste Großkapitel wendet sich den Themenfeldern Lehen, Vasallität und Ministerialität zu und beginnt mit einem Überblick über den deutschen Zweig der von Susan Reynolds ausgelösten Debatte um das Lehnsrecht, bevor es sich der Darstellung von Benefizien und Treueverhältnissen im Codex widmet. Besonders wichtig ist hier die Liste der Benefizien, die Sigiboto von 19 Herren hielt, unter ihnen die Könige, die Herzöge Welf VI., Heinrich der Löwe und Heinrich Jasomirgott, die Bischöfe von Passau, Freising, Regensburg, Salzburg, Trient, der Abt von Tegernsee sowie diverse Markgrafen und Grafen. Den Kern seiner Herrschaft, von denen er auch seinen Grafentitel ableitete, besaß Sigiboto jedoch als Allod. Von besonderem Interesse ist das siebte Kapitel, das sich der landwirtschaftlichen Organisation und den Abgaben widmet. Auch hier kann Freed trotz der uneinheitlichen und zum Teil widersprüchlich erscheinenden Angaben des Urbars zu Ergebnissen gelangen, die über den Einzelfall hinaus von Bedeutung sind. Erneut legt Freed dabei mustergültig Unsicherheiten offen. Sigibotos Rechte waren in vier Ämtern organisiert (Neuburg, Falkenstein, Hartmannsberg und Herrnstein in Niederösterreich). Besonders bedeutend waren Schweine, während Rinder kaum eine Rolle spielten. Für die umfangreiche Käseproduktion scheinen, wie Freed überzeugend darlegt, Schafe die Milch geliefert zu haben. Das letzte Kapitel des Hauptteils befasst sich mit dem weiteren Schicksal der Familie Sigibotos, die nach dem Tod der Enkel Sigibotos IV., Sigiboto VI. und Konrad um 1260 ausstarb. Zu diesem Zeitpunkt hatten in Bayern die ehemaligen Standesgenossen der Falkensteiner, die Wittelsbacher, bereits eine dominante Stellung erlangt und einen Großteil der übrigen Adelsfamilien verdrängt. Auch Konrad, der letzte überlebende Falkensteiner, musste auf seine bayerischen Besitzungen verzichten und zog sich auf die österreichischen Herrschaften zurück. Im abschließenden Kapitel stellt Freed ausführlich Überlegungen zur Entwicklung und zum Aussterben freiadliger Familien, basierend auf den Arbeiten von Aloys Schulte und Karlheinz Spieß, vor; ein eigentliches Fazit - außer, dass die Falkensteiner doch als "loser" anzusehen seien, bleibt aus.
Der Band ist erschienen in der klassischen Reihe "Monographien zur Geschichte des Mittelalters". Die Wahl dieser Reihe für ein solches Werk überrascht etwas. Nicht etwa, weil es verfehlt wäre mit einer englischsprachigen Publikation auf den internationalen Markt zu zielen, sondern weil das Buch ganz offensichtlich wesentlich für ein US-amerikanisches Publikum geschrieben wurde. Dies ist zu erkennen an Vergleichen, die nicht in den USA geprägten Personen kaum verständlich sein dürften, wie zum Beispiel dem Größenvergleich mit dem Bundestaat Maryland oder einer "quarter section of the midwest". Auch Bemerkungen wie das in Klammern hinter den Ortsnamen eingefügte "yes, that Dachau" und "yes, that Berchtesgaden" zielen klar auf ein Publikum, das mit der deutschen Geschichte vor allem Hitler und Konzentrationslager verbindet.
Es liegt in der Natur der (prosopographisch-besitzgeschichtlichen) Sache, dass es nicht immer leicht ist, den detaillierten Ausführungen über Individuen, Familienzusammenhänge und kleineren Orten zu folgen - dies gelingt am besten unter ausgiebiger Nutzung der im Anhang beigefügten Karten und Genealogien. Freeds Ausführungen mäandern zum Teil ein wenig und enthalten Nebenbeobachtungen, die zuweilen spannend und weiterführend, zum Teil eher rätselhaft sind (wie die Anmerkung, dass der Verfasser in Portugal einmal Schafskäse gegessen hat). Doch diese kleinen kritischen Anmerkungen sind letztendlich nebensächlich. Denn vor allem bietet Freed in seinem Buch die reichen Erträge eines wissenschaftlichen Lebens mit dem Falkensteiner Codex, der hier in neuer Weise erschlossen wird, und - so ist zu hoffen - eine neue Epoche im Umgang mit dieser wichtigen Quelle eröffnet.
Thomas Kohl