Jonathan D. Katz / Johnny Willis (eds.): The First Homosexuals. The Birth of a New Identity 1869 - 1939, New York: Monacelli Press 2025, 400 S., 350 Farbabb., ISBN 978-1-58093-693-4, GBP 54,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Das auf dem Klappentext als "groundbreaking, global survey of more than 300 artworks made following the introduction of the term 'homosexual' in 1869" beworbene Buch geht auf eine gleichnamige Ausstellung zurück, die zwischen Mai und August 2025 im nichtkommerziellen Ausstellungsraum Wrightwood 659 in Chicago zu sehen war. Beides wurde vom Kunsthistoriker Jonathan D. Katz unter Mitarbeit von Johnny Willis verantwortet. Die Brisanz der Ausstellung in der aktuellen politischen Lage in den USA zeigt sich eindrücklich anhand der Rezensionen. [1] Umso bezeichnender ist es, dass außer dem Kunstmuseum Basel, wo die Ausstellung seit März 2026 zu sehen ist, keine weiteren Ausstellungshäuser zur Übernahme bereit waren. [2]
Einen bleibenden Beitrag zum Diskurs bildet die nun weiter zirkulierende englischsprachige Publikation. Allein der Umfang von gut 400 Seiten verdeutlicht die jahrelange Arbeit, die in das Projekt geflossen ist. In der Buchform verschränken sich zwei Anliegen miteinander: Das erste ist die an die Ausstellung angelehnte Reproduktion eines reichhaltigen Corpus von Kunstwerken, die als Bildstrecken zu den Themen "Before the Binary", "Portraits", "Relationships", "Changing Bodies, Changing Definitions", "History", "Colonialism & Resistance", "Performance" und "Beyond the Binary" angelegt sind. Das zweite Anliegen ist eine Verknüpfung der Begriffsgeschichte von 'Homosexualität' mit der sich zeitgleich entwickelnden Kunstproduktion - eben jener schon im Klappentext angesprochenen "global survey of homosexual and trans art". [3]
Die globale Übersicht verzichtet auf eine klare methodische Verortung innerhalb globaler oder transkultureller Theorie. Sie wird stattdessen in 21 zwischen die Bildstrecken gruppierten Artikeln vollzogen, die teils zu zweit verfasst wurden (den Pronomen im Autor:innenregister nach waren hieran 16 Autoren, vier Autorinnen und zwei nicht-binäre Personen beteiligt). Jeder Text nimmt jeweils eine Nation bzw. Kulturregion in den Fokus. Während Westeuropa mit sechs Artikeln einen klaren Schwerpunkt bildet, zeigen die weiteren zu Zentral- und Osteuropa (zwei), den Amerikas (fünf), asiatischen Ländern und Regionen (vier), zu "the Modern Middle East & North Africa" (einer) und Australien (einer) das Bestreben auf, die eurozentrische Prägung zu erweitern oder zu dekonstruieren.
Die Einleitung und umfassender die ersten beiden Artikel führen in die Entwicklung der Terminologie von 'Homosexualität' im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts ein. Die Entstehung von 'Homosexualität' als identitätsstiftende Kategorie lässt sich, wie Katz und Douglas Pretsell darlegen, maßgeblich auf Karl Heinrich Ulrichs und Karl Maria Kertbeny zurückführen, wurde jedoch erst durch die pathologisierenden Schriften des Psychiaters Richard von Krafft-Ebing in den 1890er Jahren populär. Der explizite Bezug auf die Begriffsgeschichte dient sodann vielen Artikeln als Ausgangspunkt ihrer regionalen Fallstudien queerer moderner Kunst.
Die Wechselwirkungen zwischen Begriffs- und Bildgeschichte wird beispielsweise in Patrick Carland-Echavarrias Untersuchung gleichgeschlechtlicher Bildwelten in Japan vor und nach der Einführung des europäischen, pathologisierenden Verständnisses von 'Homosexualität' um 1900 eindrücklich dargelegt. Andere Autor:innen arbeiten eine lokalspezifische Begriffsgeschichte heraus, so in den Artikeln zu Großbritannien, Spanien oder China. Während das Verhältnis von Queerness und Nation etwa in Johnny Willis' "Not Naming: Lesbian Canadian Art and Its Erasure" oder Peter McNeils "Not to Know the Unknowable: Queer Australian Art" explizit thematisiert wird, widmen sich Joseph Shaikewitz' "Inversion: Errancy and Abundance in Brazil and the Southern Cone" oder Niharika Dinkars "Playgrounds of Empire: Homosexuality and Art in South and Southeast Asia" transnationalen Netzwerken. Die politische Brisanz, die mit Forschungen zu den "first homosexuals" einhergehen, wird etwa an Pavel Golubevs "Homosexual Art from the Late Russian Empire and Early Soviet Union" besonders deutlich, der seinen Artikel dezidiert als ersten zu 'homosexueller Kunst' in der Sowjetunion begreift. In dem Zuge ergibt sich die Frage, ob nicht auch eine Auseinandersetzung mit queerer Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts in Afrika jenseits des arabisch-geprägten Nordens ein nennenswertes Desiderat wäre.
Vor dem Hintergrund der jeweils spezifischen Kolonialgeschichten wird in den Artikeln zu Lateinamerika, Asien, den arabischen Ländern und Australien, aufgezeigt, wie indigene, vorkoloniale Kosmologien im Zuge des europäischen Imperialismus Heterosexualität teils mehr, teils weniger gewaltsam auferlegt bekamen. Homophobie sowie die Verfolgung durch den Faschismus werden wiederholt thematisiert. Zugleich wird deutlich, dass nicht alle homosexuellen Künstler:innen auch progressiv waren: So wies der spanische Maler Gabriel Morcillo eine Nähe zum Franco-Regime auf, wie Juan Vicente Aliaga herausstellt. Der mahnende Gestus der im Inhaltsverzeichnis nicht gesondert ausgewiesenen Doppelseite zur Zerstörung von Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1933 durch die Nazis in Berlin, entfaltet insbesondere in Referenz auf die unmittelbar vorangestellte Bildstrecke "Beyond the Binary" seine Wirkung. Den Abschluss des Bandes bildet eine mehrseitige Übersicht von "Highlights" einer kleiner angelegten Vorläuferausstellung von 2022/23. [4]
Allgemein lässt sich eine Tendenz feststellen, lesbische Künstlerinnen in knapperer Form im Anschluss an umfassendere Ausführungen zu schwulen Künstlern zu thematisieren. So wundert es nicht, dass viele der Artikel in Binaritäten verbleiben: Zu Frankreich beispielsweise gibt es zwei Artikel, einen zu lesbischen und einen zu schwulen künstlerischen Kreisen, die beide die Entwicklungen bis in die frühen 1920er Jahre nachzeichnen. Sowohl durch die binäre Einteilung als auch den zeitlichen Rahmen wird zum Beispiel Anton Prinner, eine nicht-binäre Person, die 1928 nach Paris zog und dort künstlerisch tätig war, nicht erwähnt. Dennoch gibt es Artikel, die dem in Katz' Einleitung formulierten Anspruch der Transinklusivität stärker nachkommen, so Shaikewitz' in seiner Untersuchung queerer kultureller Praktiken in Brasilien und Südamerika. Klassendifferenzen sind zwar nur im Falle Großbritanniens explizit Thema, ziehen sich aber implizit durch eine Vielzahl der Artikel. Im Fokus steht dabei die Herausbildung von Ein- und Ausschlüssen, von unterschiedlichen Subkulturen, oder wie Klasse selbst zum Gegenstand sexuell aufgeladener Darstellungen wurde.
Kurzum: Es ergibt sich besonders durch die vergleichende Lektüre der einzelnen Artikel ein methodisch aufschlussreiches und differenziertes Bild globaler Auseinandersetzungen mit Homosexualität in queeren Kunst- und Kulturpraktiken. Es sind gerade diese Differenzierungen und damit einhergehenden Ambivalenzen, die das Buch für die Lehre gut nutzbar machen und sich als anschlussfähig für weitere Forschungen erweisen - auch über die Engführung auf den Begriff der 'Homosexualität' hinaus. Zudem bilden die umfangreichen Bildstrecken eine wertvolle Ressource, die eine neue, queere Geschichte moderner Kunst visuell erzählt.
Nachvollziehbar wird im Zuge dessen auch, dass, wie Katz ebenfalls in seiner Einleitung offenlegt, der Titel der Ausstellung, "The First Homosexuals", für kontroverse Diskussionen sorgte. Die von Katz hervorgehobene und den Titel legitimierende globale Wirkkraft der identitätsstiftenden Kategorie 'Homosexualität' sahen manche der am Projekt beteiligte Wissenschaftler:innen in der Kontinuität kolonialer Auslöschungen indigener Kosmologien. Eine eher beiläufig vorgenommene Korrektur macht noch ein anderes Anliegen deutlich: Der zeitliche Startpunkt 1869 lässt sich auch als Referenz auf Michel Foucaults Geschichte der Homosexualität verstehen, deren Ursprung jener auf das Jahr 1870 datierte. [5] Mit dieser Datierung und dem konzeptuellen Ansatz unterscheidet sich Katz' Projekt auch von Ausstellungen wie "Queere Moderne. 1900-1950", die 2025 im K20 in Düsseldorf zu sehen war. [6] Im Zusammenspiel geben sie Zeugnis davon, dass der Nexus von Homosexualität, Sprache und Kunst - allen Repressionen zum Trotz - derzeit in der Öffentlichkeit auf hohes Interesse stößt und zugleich epistemische Grundannahmen der Kunstgeschichte zur Diskussion stellt.
Anmerkungen:
[1] Einige ursprünglich eingeplante Arbeiten konnten nicht gezeigt werden, weil Leihgaben aufgrund des Ausstellungsthemas verweigert oder sich um deren Sicherheit innerhalb der Ausstellung gesorgt wurde. Vgl. u.a. Hannah Edgar: 10 Keyworks in 'The First Homosexuals. Birth of a New Identity, 1869-1939, in: ARTnews, (2025), https://www.artnews.com/list/art-news/artists/the-first-homosexuals-exhibition-wrightwood-659-1234743711/ und Arthur Lubow: How 'Gay' Became an Identity in Art, in: New York Times, (12. Juli 2025), https://www.nytimes.com/2025/07/12/arts/design/art-homosexuality-museums-chicago-art-institute.html (Zugriff: 19.3.2026).
[2] Die Basler Ausstellung (7.3. bis 2.8.2026) trägt einen leicht veränderten Titel, in dem die Identitäten pluralisiert sind: The First Homosexuals. The Birth of New Identities 1869-1939. Siehe: ), https://kunstmuseumbasel.ch/en/exhibitions/2026/the-first-homosexuals (Zugriff 19.3.2026).
[3] Jonathan D. Katz: Introduction, in: The First Homosexuals. The Birth of a New Identity 1869-1939, ed. by Jonathan D. Katz / Johnny Willis, New York 2025, 8-15, hier 10.
[4] The First Homosexuals, Global Depictions of a New Identity, 1896-1930, kuratiert von Jonathan D. Katz, Wrightwood 659, Chicago (1.10.2022-28.1.2023).
[5] Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit. Bd. 1. Der Wille zum Wissen, Frankfurt a.M. 1977 [2017], darin insbes.: Die Einpflanzung von Perversion, 41-53.
[6] https://www.kunstsammlung.de/de/exhibitions/queere-moderne (Zugriff: 19.3.2026). Katz ist im zugehörigen Katalog mit einem Beitrag vertreten, der Verbindungen zu The First Homosexuals aufweist.
Fiona McGovern / Jo Ziebritzki