Kevin Lenk: Tod und Gemeinschaft. Die politische Instrumentalisierung der Toten des deutschen Linksterrorismus 1971-1977 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 149), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2024, XII + 405 S., 7 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-150437-7, EUR 69,95
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Zwei Beerdigungen, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein können: der Staatsakt für Hanns Martin Schleyer nach dessen Ermordung durch die RAF auf der einen und die Beerdigung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die sich im Gefängnis Stuttgart Stammheim nach der gescheiterten Entführung selbst getötet hatten, auf der anderen Seite. Szenen der beiden Beerdigungen rahmen den Film "Deutschland im Herbst", in dem die wohl wichtigsten bundesdeutschen Filmemacher dieser Zeit die Stimmung einzufangen versuchten. [1] Im Fall von Schleyers Beerdigung sieht man die politische und wirtschaftliche Elite der Bundesrepublik, die dem Toten das letzte Geleit gab. Zum Dornhaldenfriedhof in Stuttgart hingegen waren zahlreiche Menschen gekommen, die sich den Toten der ersten RAF-Generation in einem antikapitalistischen Kampf gegen den Staat verbunden fühlten, auch wenn sie deren Methoden nicht unbedingt guthießen. Dunkle Anzüge, Krawatten, schwere Autos hier, Palästinensertücher, Parka, Vermummungen und Transparente dort. Im Film wird Schleyers Beerdigung mit Choralmusik untermalt, die Beerdigung von Baader, Ensslin und Raspe vom Joan Baez-Song "Here's to You" - der Hymne auf die italienischstämmigen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Auch wenn der Film damit die drei Mitglieder der RAF in eine Reihe von Opfern staatlicher Willkür stellt, vermeidet er gleichwohl eine Heroisierung der RAF ebenso wie eine Denunzierung Schleyers. Das abschließend eingeblendete Zitat widersetzt sich ebenfalls einer Heldengeschichte: "An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: Sie soll nur aufhören."
Der Film lässt sich wie eine Vorlage für die zentrale These von Kevin Lenks Buch über die "Instrumentalisierung der Toten des deutschen Linksterrorismus" lesen. Lenk geht mit seiner Dissertation das Wagnis ein, die Sphären der beiderseitigen Opfer des Linksterrorismus über die Frage zusammenzuführen, wie die ganz verschiedenen Akteure mit dem Tod der jeweils anderen Seite umgingen, ihn deuteten und inszenierten. Lenk geht dabei den "unterschiedlichsten Praktiken der Sinnzuschreibungen" (22) nach und gelangt so zu der überzeugenden These, dass die Versuche der politischen Instrumentalisierung im Wesentlichen gescheitert seien. Dieses Scheitern, so Lenk weiter, habe dazu beigetragen, die Auseinandersetzung zwischen dem bundesdeutschen Staat und den linksterroristischen Gruppen zu entschärfen und - langfristig betrachtet - zu pazifizieren. Bei aller Verbitterung und bei aller Trauer um die Opfer sei es keiner Seite gelungen, Märtyrer:innen zu schaffen, die die Gräben noch weiter vertieft hätten. So zeigt auch der Film "Deutschland im Herbst", den Lenk nur am Rande in seine Analyse einbezieht, vor allem die Verzweiflung über eine Entwicklung, die letztlich nur Verlierer kannte.
In seiner Einleitung verortet Lenk sein Thema sehr konzise und klar strukturiert im Forschungskontext und macht deutlich, in welcher Weise er es in die politische Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik integriert. Damit schließt er zum einen an die prinzipiell sehr gut erforschte Binnensicht der RAF und anderer linksterroristischer Gruppen an [2] und baut zum anderen auf die Arbeiten auf, die sich mit der Rolle des Linksterrorismus im Kontext des Wandels der bundesdeutschen Staatlichkeit befassen. [3] Die Besonderheit von Lenks Buch besteht jedoch darin, dass er diese beiden sehr unterschiedlichen Perspektiven mit Blick auf die Opfer zusammenführt.
Den Ausgangspunkt bildet - man ist geneigt zu schreiben: unweigerlich - der Tod von Benno Ohnesorg Anfang Juni 1967: Die Erzählung, dass Ohnesorg zum Opfer eines Staates geworden war, der vor der Ausübung brutaler Gewalt nicht zurückschreckte, hatte jenen Mobilisierungseffekt, ohne den weder die 68er-Bewegungen noch der Linksterrorismus erklärbar sind. Lenks eigentlicher Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre zwischen 1971 und 1977. Der im Wesentlichen chronologische Aufbau gruppiert in den einzelnen Kapiteln die Toten der verschiedenen Phasen, die Lenk in sinnvoller und wohlüberlegter Weise zusammenbindet.
Von Beginn an arbeitet Lenk die Ambivalenz zwischen den Versuchen der Instrumentalisierung und deren zumeist nur sehr begrenzten Erfolgen heraus. Schon der Versuch Petra Schelm, die als erstes Mitglied einer linkterroristischen Gruppe der Bundesrepublik gewaltsam ums Leben gekommen war, für eine Solidarisierung und Mobilisierung zu nutzen, scheiterte: Die unterschiedlichen Gruppen, die jeweils nach "Rache für Petra" (50) riefen, waren sich untereinander viel zu uneins, als dass daraus eine geschlossene Kampagne hätte werden können. Zudem ordneten, wie Lenk ausführt, die verschiedenen K-Gruppen den Tod recht kühl als Folge der vermeintlich vorherrschenden faschistischen Tendenzen der Bundesrepublik ein. Eine emotionale Verbundenheit herzustellen, gelang damit nicht.
Auch im Fall von Georg von Rauch, der im Dezember 1971 durch einen Schusswechsel mit der Polizei ums Leben kam, wurde keine nachhaltige Mobilisierung erreicht. Zwar konnte die undogmatische Linke, zu der von Rauch gehörte, dessen Tod in dem Sinne nutzen, dass sie damit ihre Publizität steigerte und Solidarisierungserfolge erzielte. Im Einzelnen versuchte jedoch jede der ideologisch unterschiedlich ausgerichteten Gruppierungen den Tod in ihrem jeweiligen Sinne zu deuten und zu instrumentalisieren. Der Hungerstreik von Holger Meins und dessen daraus resultierender Tod war zwar, wie Petra Terhoeven schon nachdrücklich gezeigt hat [4], ein zentrales Element in der Strategie des Selbstviktimisierung und als solches mit Blick auf Solidarisierungseffekte durchaus erfolgreich. Am Ende aber, so Lenks Argumentation, habe sich auch Meins' Tod in eine Niederlage für die RAF verwandelt: Für das undogmatische Milieu der Linken habe der tödliche Ausgang des Hungerstreiks in einer "tiefgreifende[n] Ohnmachts- und somit Enttäuschungserfahrung" (133) gemündet. An die Stelle einer Solidarisierung mit den Zielen sei Frustration über die Sinnlosigkeit getreten - ein Gefühl, das durch alle weiteren Opfer nur noch verstärkt worden sei.
Auf der Seite des Staates wiederum, so Lenk, sei es nie wirklich gelungen, eine glatte, märtyrerhafte Erzählung zu entwerfen, hinter der sich alle Gegner des Linksterrorismus uneingeschränkt hätten versammeln können. Geriet der Tod des Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann schnell in die Mühlen der politischen Auseinandersetzungen, führte das Nachgeben des Staates im Fall Peter Lorenz zu der Frage, inwieweit von Repräsentanten des Staates so etwas wie Opferbereitschaft zu verlangen sei. Bei dem Trauerakt zu Ehren von Hanns Martin Schleyer wurde das moralische Dilemma des Staates nur allzu deutlich, sich zwischen Staatsräson und der Opferung eines Menschen entscheiden zu müssen. Eine Heroisierung verbat sich hier ebenfalls.
Es zählt zu den großen Stärken des Buches sowohl die Ambivalenzen als auch die politischen Grabenkämpfe herauszuarbeiten, die mit jedem/r einzelnen Toten verbunden waren. Zudem gelingt es Lenk, den Umgang mit den Toten beider Seiten konsequent miteinander in Beziehung zu setzen und auf diese Weise deutlich zu machen, wie sehr sich darin die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit und um den Linksterrorismus spiegelten. So trägt Lenks Studie wesentlich dazu bei, über die immer wieder gestellten Detailfragen über Handlungsabläufe hinauszugelangen und den Linksterrorismus mehr noch als bisher in die Fragen nach den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und Veränderungen der politischen Kultur der Bundesrepublik einzubetten. Dass Lenk am Ende seiner Studie einen Bogen zum Rechtsterrorismus schlägt, ist sehr zu begrüßen und verweist auch hier darauf, dass es bei der Frage nach dem Umgang mit den unterschiedlichen Formen des Terrorismus nicht darum gehen kann, bei isolierten Fragen stehen zu bleiben. Vielmehr richtet die Frage nach dem Umgang mit Terrorismus und seinen Opfern den Blick auf die Gesellschaft insgesamt. Einer Mystifizierung der Täter:innen, zu der eine Fixierung auf das Tatgeschehen allein unweigerlich führt, wird damit klar entgegengewirkt. Nicht zuletzt in dieser Hinsicht kommt dem sehr gut lesbaren Buch von Kevin Lenk ein großes Verdienst zu.
Anmerkungen:
[1] "Deutschland im Herbst", Regie: Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge u. a., BRD 1978.
[2] Vgl. Wolfgang Kraushaar (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bände, Hamburg 2006; Petra Terhoeven: Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt, München 2017; Klaus Weinhauer / Jörg Requate / Heinz-Gerhard Haupt (Hgg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Frankfurt am Main 2006.
[3] Vgl. u. a.: Gabriele Metzler: Der historische Ort der Terrorismusbekämpfung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre, in: Anneke Petzsche / Martin Heger / Gabriele Metzler (Hgg.): Terrorismusbekämpfung in Europa im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit. Historische Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen, Baden-Baden 2019, 25-46.
[4] Petra Terhoeven: Deutscher Herbst in Europa. Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales Phänomen, München 2014, 241ff.
Jörg Requate