Christian Gründig: Französische Lebenswelten in der Residenz. Akteure, Räume und Modalitäten französisch-sächsischer Verflechtung im augusteischen Dresden 1694-1763 (= Pariser Historische Studien; Bd. 126), Heidelberg: Heidelberg University Publishing 2022, 492 S., 16 Farb-Abb., ISBN 978-3-96822-177-9, EUR 65,90
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Christian Gründig behandelt in seiner Monographie, der Druckfassung seiner Dresdner Dissertation aus dem Jahr 2019, die große Zeit der Residenzstadt Dresden unter den beiden Kurfürsten von Sachsen und Königen von Polen Friedrich August I./August II. ('der Starke') und Friedrich August II./August III. Diese Epoche war bekanntlich geprägt von höfischem Glanz, der einen Beitrag dazu leisten sollte, den Wettinern dauerhaft einen Platz unter den europäischen Königshäusern zu sichern. Höfischer Glanz aber war im 18. Jahrhundert in hohem Maße französisch geprägt - oder anders formuliert: Ohne Franzosen, Französinnen und Französisches war kein (Hof-)Staat zu machen. Es ist also alles andere als ein Randthema, dem sich Gründig widmet, wenn er "am Beispiel der Französinnen und Franzosen im augusteischen Dresden (1694-1763) die sozialen Modalitäten des Konzepts des Kulturtransfers [...] untersuchen" will (16). In diesem Zusammenhang fragt er nach den Auswirkungen der Residenzfunktion und der lutherischen Prägung Dresdens auf den Kulturtransfer sowie nach dem Einfluss der Französinnen und Franzosen auf bzw. in Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft Dresdens (ebd.).
Die Studie ist in drei unterschiedlich große Teile gegliedert. Der erste hält nicht ganz, was sein Titel ('Il ne peut y avoir rien de trop beau'. Anwerbungsprozesse und Reisewege) verspricht. Nach nur wenigen Seiten zu Anwerbungspraktiken untersucht Gründig, wie sich die französische Präsenz in der kursächsischen Hauptstadt während des Untersuchungszeitraums entwickelte. Gut lässt sich der nahezu kontinuierliche Zuwachs während der Regierungszeit Augusts des Starken (1694-1733) nachvollziehen, mit einem deutlicheren Anstieg seit der Wiedererlangung der polnischen Krone 1709, bis im Todesjahr Augusts (1733) mit über 140 Personen französischer Herkunft der Höhepunkt erreicht war. Unter seinem Sohn kam es zu einem deutlichen Einbruch, der durch die Vorliebe des neuen Herrschers für das italienische Theater und die italienische Oper und die daraus resultierenden Entlassungen von französischen Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Musikerinnen und Musikern bedingt war. Es folgte ein allmählicher Wiederanstieg der Zahlen, bis der Siebenjährige Krieg einen erneuten Einbruch verursachte, der sich allerdings aufgrund der Quellenarmut nicht im Detail nachvollziehen lässt (55-58). Weit umfangreicher sind die Ausführungen zu den sächsischen Präsenzen in Frankreich, von der Dauphine Maria Josepha von Sachsen über Diplomaten, Hofkommissare und Agenten bis hin zum Umfeld des illegitimen Sohnes Augusts des Starken und Marschalls von Frankreich Maurice de Saxe. Inwieweit diese Personen als Anwerberinnen und Anwerber wirkten, steht jedoch nicht im Fokus der Darstellung. Der erste Teil schließt mit einem Kapitel zu Mobilitäten zwischen Frankreich und Sachsen (Kapitel 3), bei dem es jedoch vornehmlich um Reisen von Sachsen nach Frankreich geht.
Der zweite Hauptteil widmet sich - so jedenfalls sein Untertitel - der Ankunft und Aufnahme in der Residenzstadt Dresden. Tatsächlich sucht der Verfasser zunächst die französischen Netzwerke in Dresden offenzulegen, wozu er mithilfe eines nicht näher spezifizierten "Verarbeitungs- und Darstellungsprogramms der Digital Humanities" (120) das Trauregister der katholischen Gemeinde Dresdens analysiert und so eine enge Vernetzung unter den Französinnen und Franzosen in der kursächsischen Residenzstadt belegen kann. Außerdem wertet er - eher knapp - die Korrespondenz der Kammerfrau Charlotte de Gombert aus und formuliert einige Bemerkungen zu Patronageverhältnissen und professionellen Netzwerken. Sowohl katholische als auch hugenottische Französinnen und Franzosen lebten im lutherischen Kursachsen in einer Diasporasituation - Erstere unter dem besonderen kurfürstlichen Schutz, Letztere in einer fragilen rechtlichen Position. Etwas aus dem Rahmen des Kapitels Franzosen im Geflecht konfessioneller Differenzen fällt der Abschnitt zu den Freimaurergesellschaften, die der Verfasser hier als "eine weitere Form des gesellschaftlichen und [...] interkonfessionellen Zusammenschlusses" behandelt, "der in seiner Anfangszeit eine auffallend starke französische Prägung aufwies" (165). Im folgenden Kapitel formuliert Gründig gut nachvollziehbare Beobachtungen sowohl zur Größe französischer Haushalte als auch zu den von den Eingewanderten präferierten Stadtvierteln. Bevorzugt wurden die Straßen in der Nähe des Schlosses, wo es sogar eine freilich nicht genau zu lokalisierende "Franzoßen-Gaße" gab (193).
Der dritte Hauptteil, der die Aktionsräume und Modalitäten des sächsisch-französischen Transfers zu untersuchen verspricht, aber eigentlich der 'Gegenrichtung' gewidmet ist, bildet das Herzstück der Dissertation. Hier schreitet der Verfasser unterschiedliche Bereiche ab, in denen sich ein solcher Transfer von Frankreich nach Dresden vollzog. Die Anordnung der Kapitel entspricht offenbar dem Stellenwert der Transferbereiche, jedenfalls wenn man die ihnen zugestandenen Seitenzahlen zugrunde legt. Gründig widmet sich zunächst der Musik und den Darstellenden Künsten (Oper und Hofkapelle. Theater und Tanz), sodann den Bildenden Künsten (Kunst und Architektur), Küche und Keller, Literatur und Sprache, Wirtschaft und Handel und schließlich dem Militär. Alle Kapitel beginnen mit einem Überblick (Akteure und Transfer), an den sich - je nach Quellenlage - biographische und sachbezogene Tiefenbohrungen anschließen. So lernt man mit Antoine Pitrot einen Ballettmeister auf Abwegen (Kapitel 7.5), die Künstlerinnen Marie-Catherine und Marie-Maximilienne de Silvestre (Kapitel 8.5) und den Winzer Pierre Coste (Kapitel 9.4) kennen. Man erhält einen Einblick in die aus der Aneignung diverser französischer und italienischer Stilelemente resultierende Entwicklung des vermischten Geschmacks als Spezifikum der Dresdner Hofkapelle (Kapitel 7.3), kann sich an den Hochzeitsmenüs von Kammerdienern und Prinzessinnen erfreuen (Kapitel 9.3) und erfährt über die Konkurrenz zwischen eingesessenen und hugenottischen Perückenmachern (Kapitel 11.3). Auf diese Weise werden Chancen und Herausforderungen für die Akteurinnen und Akteure in den französisch-sächsischen Transferprozessen exemplarisch fassbar.
Im Fazit nehmen die ansehnlichen Ergebnisse der Studie (die allerdings zuvor schon in Zwischenfazits der einzelnen Teile gebündelt worden sind) einen überraschend geringen Raum ein (416-420). Etwas ausführlicher sind die Ausführungen zur Entwicklung französischer Präsenzen in Kursachsen bis 1815 (Französischer Nachklang, 420-425). Die Studie schließt mit einem Ausblick, der das Potential für weitergehende Forschungen auslotet. Dieses ist in der Tat beachtlich, nicht zuletzt für eine "umfassende, vergleichende Betrachtung der sozialen Modalitäten anderer gesellschaftlicher und nationaler Gruppen" (426), in Dresden oder an anderen Höfen. Nützlich für die Erschließung des Bandes ist das Personenregister, während in dem kombinierten Sach- und Ortsregister die Sacheinträge eher beliebig wirken und teilweise eine nur geringe Trennschärfe aufweisen.
Christian Gründig hat in seiner Dissertation auf einer breiten und diversen Quellenbasis für die Französinnen und Franzosen in der kursächsischen Residenzstadt Dresden substanzielle weiterführende Erkenntnisse zur Präsenz nationaler Minderheiten und zu den Modalitäten von Transferprozessen in höfischen Kontexten erzielt. Zwar halten nicht alle Kapitelinhalte, was die betreffenden Überschriften versprechen. Dies und andere Kritikpunkte schmälern die mehr als beachtliche Gesamtleistung aber nur unwesentlich.
Matthias Schnettger