Rezension über:

Bram van Leuveren: Early Modern Diplomacy and French Festival Culture in a European Context, 1572-1615 (= Rulers & Elites; Vol. 20), Leiden / Boston: Brill 2023, XIV + 329 S., ISBN 978-90-04-43543-8, EUR 123,05
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Clemens Peck
Universität Salzburg
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Clemens Peck: Rezension von: Bram van Leuveren: Early Modern Diplomacy and French Festival Culture in a European Context, 1572-1615, Leiden / Boston: Brill 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/39576.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Bram van Leuveren: Early Modern Diplomacy and French Festival Culture in a European Context, 1572-1615

Textgröße: A A A

Das Forschungsfeld an der Schnittstelle von frühneuzeitlicher Diplomatie, höfischer Festkultur und Theatralität hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Ellen R. Welchs A Theater of Diplomacy gilt als Standardwerk zur diplomatischen Theatralität und Festkultur am Hof Ludwig XIV. [1] Welch zeigt in ihrem Buch, welche zentrale Rolle Feste und höfische performances für die Diplomatie im frühneuzeitlichen Frankreich spielten. Als gewichtiges Argument der Studie gilt, dass barocke Festkultur und theatrale Praktiken nicht nur der Repräsentation dienten, sondern selbst Teil diplomatischer Kommunikation und Verhandlung waren.

Mit Early Modern Diplomacy and French Festival Culture in a European Context, 1572-1615 legt Bram van Leuveren nun eine Monografie vor, die sich ebenfalls der diplomatischen Festkultur des französischen Hofes widmet. Allerdings setzt die überarbeitete Druckfassung seiner Dissertation im Unterschied zu Welch nicht in der westfälischen bzw. post-westfälischen Periode ein, sondern davor: Van Leuveren untersucht die späte Valois- und frühe Bourbon-Zeit, genauer den Zeitraum 1572 bis 1615. Im Zentrum stehen damit die Regierungszeiten Heinrichs III. und Heinrichs IV. sowie die ersten Jahre der Herrschaft Ludwigs XIII. unter der Regentschaft Maria de' Medicis. Historisch bezeichnet dieser Zeitraum die Phase der französischen Religionskriege, des Dynastiewechsels von den Valois zu den Bourbonen und der anschließenden politischen Konsolidierung. Anders als in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der die Implementierung eines außenpolitischen Systems zentraler Antriebe der höfischen Festkultur war, galten die höfischen Feste um 1600 innen- wie außenpolitisch als diplomatische Frage des Überlebens.

Verwoben, so der Autor, sei diese höfische Festkultur in all ihren zeremoniellen und theatralen Aspekten mit drei grundlegenden diplomatischen Praktiken: Erstens der Verhandlung, zweitens dem Konzept der Gastfreundschaft und drittens der public diplomacy. Insbesondere der Begriff der public diplomacy - eigentlich der modernen Diplomatiegeschichte zugeordnet und von Helmer Helmers in die Frühneuzeitforschung transferiert [2] - dient dazu, van Leuverens Arbeit von bestehenden Forschungsergebnissen, nicht zuletzt dem Buch von Welch, abzuheben. Der Verfasser eröffnet dadurch eine Perspektive auf die diplomatische Festkultur, die die Verhandlungsebene mit verschiedenen innen- wie außenpolitischen Akteuren und Interessensgruppen beschreibbar macht. Damit sind einerseits das Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Kategorien von Verhandelnden gemeint, andererseits Nebeneinander und Gleichzeitigkeit diplomatischer "back channels" und "front channels". (7)

Das erste Kapitel widmet sich jenen zeitgenössischen Aussagen und theoretischen Werken, die sich mit der Verbindung von Diplomatie und Festkultur auseinandersetzen. Als einschlägige Quellen werden dabei diplomatische Handbücher und die humanistische Gesandtenliteratur herangezogen und mit Tanzlehrbüchern, Zeremonialliteratur oder Briefen ergänzt. So zitiert van Leuveren etwa einen Brief Caterina de' Medicis, in dem sie die Bedeutung friedlichen Tanzens zwischen den verfeindeten Konfessionsparteien beschreibt. (54) Diese Spur nimmt das zweite Kapitel wieder auf, in dem die humanistisch inspirierte und konfessionsübergreifende Diplomatie Caterina de' Medicis an zwei Festen am Pariser Hof des Jahres 1572 herausgearbeitet wird - zur Ratifikation des Vertrags von Blois zwischen Frankreich und England im Juni und zur Hochzeit Marguerites de Valois mit Heinrich von Navarra im August. Wie der Autor verdeutlicht, geht es dabei sowohl in der Konstellation Frankreich/England wie auch Katholiken/Hugenotten (Henrich von Navarra, später Heinrich IV., gehörte dem reformierten Bekenntnis an) weniger um symbolische Harmonie bzw. Überwindung von politischen und religiösen Gegensätzen durch Zeremonie, Theater und Tanz, sondern um deren situative Aushandlung und zeitweilige Suspendierung im festlichen Rahmen.

Mit der beinahe gleichzeitigen Aufnahme einer niederländischen und einer englischen Sondergesandtschaft am französischen Hof während des niederländischen Aufstands und des Erstarkens der katholischen Liga setzt sich das dritte Kapitel auseinander. Dabei steht diplomatische Gastfreundschaft als politisch umkämpfte Praxis im Zentrum der Untersuchung: Während die englischen Gesandten anlässlich der Verleihung des Hosenbandordens mit Banketten und einem von Heinrich III. selbst angeführten Hofballett öffentlich geehrt wurden, hielt der französische Hof den Aufenthalt der niederländischen Delegation, die dem König die Herrschaft über die aufständischen Provinzen anbot, diskret bzw. zivil, um Spanien und die katholische Liga nicht zu brüskieren. So konnte der Gesandte Arent van Dorp empfangen werden, ohne die diplomatische Stellung der Niederlande vollständig anzuerkennen. (170-172)

Das vierte Kapitel begleitet die Versuche Heinrichs IV., nach den Religionskriegen innere und äußere Konflikte gleichzeitig zu befrieden. Van Leuveren zeigt, dass geheime Verhandlungen und öffentliche Festlichkeiten keine Gegensätze waren: back channel diplomacy und öffentliche Inszenierung ergänzten sich; Feste konnten Verhandlungsspielräume vorbereiten, politische Annäherung signalisieren und bereits ausgehandelte Kompromisse öffentlich legitimieren. Die Vorstellung, frühneuzeitliche Festkultur habe zwar Herrschaft repräsentieren, aber bei der eigentlichen Aushandlung von Frieden kaum eine Rolle spielen können, ist demgegenüber nicht haltbar. Im Schlusskapitel vergleicht van Leuveren die französisch-spanischen Doppelheiraten Ludwigs XIII. und Elisabeths von Frankreich mit der englisch-pfälzischen Hochzeit Elizabeth Stuarts und Friedrichs V. 1613 und zeigt darin auch die Komplexität und die Grenzen einer diplomatisch verhandelnden Festkultur unterschiedlicher Akteure in Zeiten konfessioneller Krisen auf. Sowohl im innerfranzösischen als auch im internationalen Zusammenhang traten zunehmend konfessionelle Gruppen als Akteure der Festkultur - insbesondere ballet de cour - und ihrer Berichterstattung auf und verstärkten so Botschaften, die mitunter gegenläufig zur höfischen Diplomatie und Vorstellungen von diplomatischer Balance waren. (252-253)

Bram van Leuverens sorgfältig argumentierte Studie setzt sowohl den untersuchten Zeitraum als auch den methodischen Zugang betreffend neue Maßstäbe in der Erforschung diplomatischer Festkultur. Für den französischen Hof der späten Valois- und frühen Bourbon-Zeit können dadurch die Prozessualität von diplomatischer Verhandlung und Vielfalt der Akteure gezeigt werden. Besonders hervorzuheben ist dabei die konsequente Untersuchung der public diplomacy des französischen Hofes, wodurch das enge Zusammenspiel von innerfranzösischer und internationaler Diplomatie der französischen Krone nachvollziehbar wird. Dass der konkrete Zusammenhang von Festkultur und theatraler Performativität, gerade im Vergleich etwa zu Welchs Studie, hier bisweilen in den Hintergrund gerät, fällt gegenüber den Leistungen dieses Buches kaum ins Gewicht.


Anmerkungen:

[1] Ellen R. Welch: A Theater of Diplomacy. International Relations and the Performing Arts in Early Modern France, Philadelphia 2017.

[2] Helmer Helmers: Public Diplomacy in Early Modern Europe, in: Media History, 22:3-4 (2016), 401-420.

Clemens Peck