Gudrun Krämer: Der Architekt des Islamismus. Hasan al-Banna und die Muslimbrüder. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2022, 527 S., ISBN 978-3-406-78177-3, EUR 34,00
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Gudrun Krämer: Der Architekt des Islamismus. Hasan al-Banna und die Muslimbrüder. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2022
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Gudrun Krämer, die von 1996 bis 2019 das Institut für Islamwissenschaft an der FU Berlin und von 2007 bis 2018 die im Rahmen der Exzellenzinitiative geförderte "Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies" leitete, bietet uns eine fundierte Biographie von Ḥasan al-Bannā (1906-1949), dem Gründer der Muslimbruderschaft (al-iḫwān al-muslimūn). Er gehört zu den einflussreichsten Vertretern des politischen Islam im 20. Jahrhundert und verband eine religiöse Erneuerung mit gesellschaftlichem Aktivismus und politischen Zielsetzungen. Seine Vorstellungen entstanden vor dem Hintergrund der britischen Dominanz über Ägypten, tiefgreifender sozialer Veränderungen sowie intensiver Debatten über das Verhältnis von Islam, Nationalismus und europäischer Moderne. Krämer geht in ihrem Werk, das sich an eine interessierte, (vor)gebildete Öffentlichkeit richtet, strikt chronologisch vor.
Ḥasan al-Bannā wurde am 14. Oktober 1906 in al-Maḥmūdiyya im Nildelta geboren. (Kap. 1: "Bildung und Frömmigkeit im ländlichen Raum", 11-70) Sein Vater Aḥmad al-Bannā war von Haus aus Uhrmacher, doch er beschäftigte intensiv mit islamischen Wissenschaften. Sein Sohn erhielt daher bereits in seiner Kindheit eine ausgeprägte religiöse Bildung. Neben der Schule engagierte sich Ḥasan al-Bannā in religiösen Vereinigungen und kam früh mit sufischen Traditionen in Berührung. Besonders die Ḥasāfiyya, ein sufischer Orden, beeinflusste seine religiöse Sozialisation. Die Betonung persönlicher Frömmigkeit und moralischer Disziplin verband er später jedoch mit einem umfassenden gesellschaftlichen Reformanspruch. 1923 begann Ḥasan al-Bannā seine Ausbildung an der Dār al-ʿulūm in Kairo, einer Institution, die traditionelle islamische Wissenschaften mit modernen Unterrichtsfächern verband. (Kap. 2: "Die Zeit der Orientierung", 71-120) Der Aufenthalt in der ägyptischen Hauptstadt konfrontierte ihn unmittelbar mit den politischen und kulturellen Konflikten seiner Zeit. Ägypten war 1922 zwar formal unabhängig geworden, Großbritannien verfügte jedoch weiterhin über erheblichen politischen und militärischen Einfluss. Gleichzeitig entwickelten sich Kairo und andere Städte zu Zentren einer zunehmend pluralistischen Öffentlichkeit. Nationalistische, liberale, sozialistische und islamische Vorstellungen konkurrierten um die zukünftige Ordnung des Landes. Ḥasan al-Bannā interpretierte viele soziale und politische Probleme Ägyptens als Folge des europäischen Imperialismus, aber auch einer aus seiner Sicht fortschreitenden Entfernung der muslimischen Gesellschaft von islamischen Normen.
Nach Abschluss seiner Ausbildung wurde er 1927 als Lehrer nach Ismāʿīliyya am Suezkanal versetzt. (Kap. 3: "Baupläne: Die Muslimbrüder in Ismailiyya", 121-154) Dort waren die sozialen Unterschiede zwischen europäischen Beschäftigten der Suezkanalgesellschaft und Teilen der ägyptischen Bevölkerung besonders sichtbar. Im März 1928 gründete er gemeinsam mit sechs Arbeitern und Handwerkern die Muslimbruderschaft. Die zunächst kleine religiöse Vereinigung verstand sich als Bewegung zur moralischen und sozialen Erneuerung. Sie errichtete Moscheen und Bildungseinrichtungen, organisierte Wohlfahrtsangebote und betrieb religiöse Unterweisung. Diese Verbindung von Predigt, Sozialarbeit und organisatorischer Mobilisierung wurde zu einem wesentlichen Grund für ihre rasche Expansion. Nach der Verlegung ihres Hauptsitzes nach Kairo im Jahr 1932 entwickelte sich die Muslimbruderschaft zunehmend zu einer landesweiten Massenorganisation. (Kap. 4: "Grundmauern: Die Muslimbrüder in Kairo", 155-200) Ḥasan al-Bannā erwies sich dabei als wirkungsvoller Prediger und Organisator, dessen Kampf vor allem der Unmoral, der christlichen Mission und dem Zionismus galt.
In dem sich nun anschließenden 5. Kapitel ("Ausbau: Sport, Scouts und Studenten", 201-242) skizziert Gudrun Krämer die wichtige Rolle der an das Modell der Pfadfinder angelehnten Jugendgruppen der Muslimbrüder bei diesen Bestrebungen. Gemeinsam war ihnen das Bemühen, "den Charakter zu bilden, den Geist zu fördern und den Körper zu trainieren, um auf diese Weise den integren, disziplinierten, auf die eigenen Kräfte vertrauenden Mann zu formen, der sich in den Dienst der Gemeinschaft stellte." (204) Für die 1938 ins Leben gerufene Elitegruppe Katāʾib anṣār Allāh ("Bataillone der Helfer Gottes") rekrutierte man aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft Mitglieder, die sich an vorderster Front für die Sache der Bewegung einsetzen sollten. Ḥasan al-Bannās politische und religiöse Lehre beruhte auf einem umfassenden Islamverständnis. (Kap. 6: "Design: Der Islam der Muslimbrüder", 243-296) Der Islam war für ihn nicht lediglich eine Religion im engeren Sinne, sondern eine Ordnung, die individuelle Lebensführung, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik umfassen sollte. Eine häufig mit seinem Denken verbundene Formel bezeichnete den Islam zugleich als Glauben und Gottesdienst, Heimat und Nationalität, Religion und Staat sowie Spiritualität und politisches Handeln. Die Anwendung islamischer Prinzipien betrachtete er dementsprechend als wesentlichen Bestandteil einer islamisch geprägten Gesellschaftsordnung. Dabei lehnte Ḥasan al-Bannā die moderne Welt nicht unterschiedslos ab. Wissenschaft, Technik, Verwaltung und moderne Organisationsformen konnten seiner Auffassung nach übernommen werden, sofern sie mit islamischen Prinzipien vereinbar waren. Seine Kritik richtete sich stärker gegen politische und kulturelle Abhängigkeit, Säkularisierung sowie bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, die er als Folgen westlicher Dominanz interpretierte. Die von ihm angestrebte Veränderung sollte grundsätzlich schrittweise erfolgen: von der religiös und moralisch reformierten Einzelperson über Familie und Gesellschaft bis zur Errichtung einer politischen Ordnung auf islamischer Grundlage.
In den 1930er- und insbesondere den 1940er-Jahren nahm die Muslimbruderschaft immer stärker am politischen Leben Ägyptens teil, wobei ihr Verhältnis zur bestehenden Ordnung ambivalent war. (Kap. 7: "Umbauten: Die Phase der Gestaltung", 297-330) Ḥasan al-Bannā schwankte häufig zwischen militanter Rhetorik auf der einen und pragmatisch-vorsichtiger Politik auf der anderen Seite. Die Muslimbruderschaft beteiligte sich an Protesten gegen die britische Präsenz und engagierte sich intensiv in der Palästinafrage. Ḥasan al-Bannā betrachtete den Zionismus und die zunehmende jüdische Einwanderung nach Palästina als Teil eines kolonialen Konflikts und mobilisierte seine Anhänger dagegen. Im Palästinakrieg von 1948 beteiligten sich Freiwillige der Muslimbruderschaft an Kampfhandlungen gegen die entstehende israelische Staatsmacht. Aus dem Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen innerägyptischen Unruhen und Verunsicherungen ging die Organisation, wie Krämer plausibel schildert, gestärkt hervor. (Kap. 8: "Ein Haus mit vielen Wohnungen", 331-376) Die Freiheiten in den Nachkriegsjahren erlaubte eine "ungehinderte Werbung und eine rasche Ausbreitung in den ländlichen und städtischen Räumen." (332) Zur finanziellen Absicherung gründete man sogar eine Reihe von Unternehmen in Alexandria, Kairo und Suez. Darüber hinaus erweiterte man intern ab 1944 den Spielraum der weiblichen Mitglieder der Bewegung, die informell unter dem Namen al-Aḫawāt al-Muslimāt fungierten. Parallel zur politischen Expansion entwickelte sich ferner innerhalb der Organisation ein geheimer beziehungsweise paramilitärischer Apparat, das sogenannte "Spezialorgan" (al-ǧihāz as-sirrī). Angehörige dieses Netzwerks wurden mit mehreren Gewalttaten und politischen Attentaten in Verbindung gebracht. Das Verhältnis von Ḥasan al-Bannā zu Gewaltanwendung ist bis heute Gegenstand zahlreicher Diskussionen: Er trug als Führer Verantwortung für eine Organisation, in der ein solcher Apparat aufgebaut worden war, verurteilte jedoch einzelne Anschläge öffentlich. Gudrun Krämer ist der zurecht der Meinung, dass eine einfache Einordnung seiner Bewegung entweder als ausschließlich friedliche Reformbewegung oder als rein gewaltorientierte Organisation ihrer Entwicklung nicht gerecht wird.
Ende der 1940er-Jahre eskalierte der Konflikt zwischen der ägyptischen Regierung und der Muslimbruderschaft. (Kap. 9: "Einsturzgefahr: Das Ende einer Epoche", 377-403) Im Dezember 1948 ordnete Ministerpräsident Maḥmūd Fahmī an-Nuqrāšī die Auflösung der Vereinigung der iḫwān al-muslimūn an. Wenige Wochen später wurde an-Nuqrāšī von einem Mitglied der Muslimbruderschaft ermordet. Ḥasan al-Bannā verurteilte das Attentat öffentlich. Am 12. Februar 1949 wurde er dann aber selbst in Kairo angeschossen und starb kurz darauf an seinen Verletzungen. Die genauen Verantwortlichkeiten für seine Ermordung wurden nie vollständig gerichtlich geklärt; in der Forschung wird der Anschlag jedoch vielfach mit Angehörigen oder Akteuren des ägyptischen Staatsapparates in Verbindung gebracht.
Gudrun Krämer hat eine wirklich sehr informative und vor allem sehr lesenswerte Biographie des Gründers der Muslimbruderschaft vorgelegt, die jedem, der sich für die Entstehung des Islamismus interessiert, wärmstens empfohlen sei. Ḥasan al-Bannās historische Bedeutung reicht weit über sein kurzes Leben hinaus. Die Muslimbruderschaft überdauerte Repression, Verbote und interne Veränderungen und wurde zum Vorbild zahlreicher islamistischer Bewegungen im Nahen Osten und darüber hinaus. Ḥasan al-Bannās Konzept eines Islam, der Religion, Gesellschaft und politische Ordnung miteinander verbindet, prägte entscheidend die Entwicklung des modernen Islamismus. Zugleich unterscheidet sich sein Denken in wichtigen Punkten von späteren radikaleren Ideologen wie Sayyid Quṭb (1906-1966). Der Tenor des Buches von Gudrun Krämer geht meines Erachtens dahin, Ḥasan al-Bannā als religiösen Reformaktivisten, politischen Organisator und antikolonialen Islamisten zu verstehen, dessen Bewegung soziale Wohlfahrt, missionarische Tätigkeit und politische Mobilisierung miteinander verband, zugleich aber auch Strukturen hervorbrachte, in denen politische Gewalt eine Rolle spielte. Gerade diese Verbindung unterschiedlicher Handlungsebenen erklärt sowohl die große gesellschaftliche Wirkung der Muslimbruderschaft als auch die bis heute kontroverse Bewertung ihres Gründers.
Stephan Conermann