Jost Dülffer: Frieden und Menschenrechte. Studien zur Internationalen Geschichte. Hgg. von Simone Derix / Ulrich S. Soénius / Guido Thiemeyer, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2023, 318 S., ISBN 978-3-412-52739-6, EUR 39,00
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Harold James: Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Fall und Aufstieg 1914-2001. Aus dem Englischen von Udo Rennert, Martin Richter und Thorsten Schmidt, München: C.H.Beck 2004
Seit vielen Jahrzehnten gehört Jost Dülffer zu den produktivsten und anregendsten Historikern im Bereich der Internationalen Geschichte. Es ist daher überaus verdienstvoll, dass Schüler des Kölner Historikers seine wichtigsten Aufsätze, an unterschiedlichen, zum Teil entlegenen Orten publiziert, in mittlerweile drei Bänden zusammengeführt und dadurch leichter greifbar gemacht haben. Ein erster Band, erschienen 2003, trug den Titel Im Zeichen der Gewalt. Frieden und Krieg im 20. Jahrhundert. Die darin versammelten Beiträge kreisen um die Bedrohung und Gefährdung des Friedens durch Gewalttätigkeit und Krieg. Der zweite Band kam 2008 unter der Überschrift Frieden stiften. Deeskalations- und Friedenspolitik im 20. Jahrhundert heraus. Darin geht es primär um Krisenbewältigung, Kriegsverhinderung und Kriegsbeendigung. 2023 schließlich, zum 80. Geburtstag Dülffers, gaben Simone Derix, Ulrich S. Soénius und Guido Thiemeyer den dritten Band heraus, der den Titel trägt: Frieden und Menschenrechte. Studien zur Internationalen Geschichte. Das ist insofern ein falsches Etikett für die Sammlung, weil es nur einen Teil der insgesamt 15 Aufsätze adäquat erfasst.
Das Gros der Beiträge behandelt in wesentlich weiterer Perspektive den Zusammenhang von Macht und Recht in der internationalen Geschichte, geht also über die Rolle der Menschenrechte oder die Geschichte der internationalen Menschenrechtspolitik deutlich hinaus. Völkerrecht und Völkerstrafrecht gehören zu den Themen, die die Beiträge behandeln, wobei es nicht im engeren Sinne rechtshistorisch um die Geschichte des Völker- und Völkerstrafrechts geht, sondern im Kern um Völkerrechts- und Völkerstrafrechtspolitik. Dieser thematische Horizont wird mit der gleich im einleitenden Aufsatz behandelten Frage nach dem Verhältnis von Macht und Recht entfaltet, die Dülffer - für die Kenner seines Œuvres und seiner Forschungsinteressen wenig überraschend - mit der Frage nach der Möglichkeit von Frieden durch Recht verknüpft. Diese doppelte Fragestellung bildet den roten Faden des gesamten Bandes. Einfache Antworten liefert er nicht. Er schreibt auch keine Erfolgs- oder Fortschrittsgeschichte wie der finnische Rechtswissenschaftler Martti Koskenniemi in seinem Buch The Gentle Civilizer of Nations, 2002 erschienen und erkennbar durch die damalige optimistische Gegenwartswahrnehmung geprägt.
Angesichts des doppelten Epochenbruchs der Jahre nach 2022, dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine einerseits und dem Übergang der USA unter Präsident Trump zu einer völkerrechtsfeindlichen, unilateralen Macht- und Gewaltpolitik andererseits, hat die Frage nach dem Verhältnis von Macht und Recht neue Aktualität gewonnen. Kann man noch von der Macht des Rechts sprechen oder bestimmt nicht vielmehr das Recht der Macht die internationale Ordnung? Vor diesem Hintergrund ist es auch kein Nachteil, dass der Band dem Rezensenten erst drei Jahre nach seinem Erscheinen zur Besprechung angeboten wurde. Denn fraglos haben die Entwicklungen der internationalen Politik auch in Deutschland und in der deutschsprachigen Forschung das Interesse an der Geschichte der internationalen Politik erhöht, das in den Jahren nach 1990 spürbar zurückgegangen war. Die boomende Globalgeschichte setzte - auch hierzulande - ganz andere Akzente und blickte zum Teil durchaus abschätzig auf das Feld der klassischen Diplomatie- und Außenpolitikgeschichte, so sehr sich diese auch von ihren früheren Leitparadigmen (Machtstaatlichkeit, Rolle führender, in der Regel männlicher Individuen, diplomatiegeschichtliche Engführung) fortentwickelt und sich zuerst sozialgeschichtlich, später zunehmend kulturgeschichtlich erweitert beziehungsweise geöffnet hatte.
Das spiegelt sich auch in den ursprünglich zwischen 2005 und 2020 publizierten Aufsätzen des Bandes, die in diesem Sinne nicht nur die Entwicklung der Internationalen Geschichte (als geschichtswissenschaftliche Teildisziplin) seit der Jahrtausendwende erkennbar werden lassen, sondern die auch einer sich angesichts der internationalen Politik im Zeichen der "Zeitenwende" neu dynamisierenden Internationalen Geschichte wichtige Impulse geben können. Daher ist es auch zu begrüßen, dass der Autor einen Teil der Beiträge im Lichte der jüngsten Entwicklungen aktualisiert beziehungsweise fortgeschrieben hat.
Die besondere Bedeutung der Sammlung, zusammen mit den beiden früher erschienenen Bänden, liegt indes in ihrer geradezu konstitutiven Friedensorientierung, und zwar sowohl konzeptionell als auch gegenstandsbezogen. Wie kaum ein anderer Historiker seiner Generation - er ist Jahrgang 1943 - steht Jost Dülffer für eine Historische Friedensforschung, geleitet von dem Ziel, durch historische Forschung zur Verhinderung von Kriegen, zur Schaffung von Frieden und zur Sicherung friedlicher Ordnungen beizutragen. Dahinter steht ein normatives Friedensideal, im kantianischen Sinne durchaus die Idee des Ewigen Friedens, so sehr Dülffers Forschung selbst das permanente Scheitern dieser Utopie zum Thema macht, sei es nun in diesem Band mit Blick auf das internationale System des 19. Jahrhunderts, auf die Ursprünge des Ersten Weltkriegs, auf den vergeblichen, aber doch nicht von Anbeginn an zum Scheitern verurteilten Versuch einer internationalen Friedensordnung nach 1919, auf die Gewaltpolitik des Nationalsozialismus oder auf den Kalten Krieg - besser vielleicht in Dülffers Perspektive: den kalten Frieden - nach 1945. Hier tauchen dann auch die Menschenrechte und deren Ambivalenz auf, ebenso wie die viel diskutierte These des "democratic peace".
Frieden als Ziel und die Möglichkeit friedlicher Ordnung leiten die Analyse, die sich darum klar absetzt, zum Teil implizit, zum Teil aber auch explizit, von jenen, zum Teil regelrecht bellizistischen Stimmen, die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sogleich von einer Rückkehr zu einer von Gewalt und Krieg geprägten historischen Normalität sprachen und dies beispielsweise mit Plädoyers für eine Lösung von "der Fessel des selbstverordneten völkerrechtlichen Dogmas" (Carlo Masala) verbanden. Eine bessere Bestätigung für die Aktualität und die Bedeutung des Verhältnisses von Macht und Recht als Thema historischer Forschung lässt sich kaum denken. Rechtswissenschaftler diskutieren die "Ohnmacht des Völkerrechts" (Christoph Safferling). Die Frage nach dem "Recht der Gewalt" (Hendrik Simon) treibt aber auch die politikwissenschaftliche Teildisziplin der Internationalen Beziehungen um. In ihrem "historical turn", wie ihn zum Beispiel das neue "Oxford Handbook of History and International Relations" (2023) spiegelt, kann sie von den Studien von Historikern wie Jost Dülffer nur profitieren. Eine Friedensforschung schließlich, auch in historischer Perspektive, hat angesichts der "Zeitenwende" an Bedeutung nicht verloren - im Gegenteil. Wie es gelingen kann, die Utopie des Friedens und die Realität des Krieges zusammenzudenken, demonstrieren alle drei Aufsatzbände, der letzte von ihnen, erschienen nach 2022, indes noch einmal besonders.
Eckart Conze