Rezension über:

Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940: Zuflucht und Widerstand, 3. Auflage, München: C.H.Beck 2026, 320 S., 25 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-84494-2, EUR 26,00
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Jane Rogosyka: Hotel Exile. Paris in the Shadow of War, London: Allan Lane 2026, VIII + 347 S., 15 s/w-Abb., ISBN 978-0-241-67963-0, GBP 25,00
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Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur, 12. Auflage, München: C.H.Beck 2024, 351 S., 28 s/w-Abb, zwei Kt., ISBN 978-3-406-81490-7, EUR 26,00
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Rezension von:
Tobias Becker
Karls-Universität Prag
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Becker: Exil in Frankreich (Rezension), in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/10/41549.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Sammelrezension: Exil in Frankreich" in Ausgabe 26 (2026), Nr. 10

Exil in Frankreich

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Paris, Sommer 2026. Vor Shakespeare and Company in der Rue de la Bûcherie direkt an der Seine stehen die Touristinnen und Touristen Schlange, um die legendäre Buchhandlung zu besuchen, einen Ort, der untrennbar mit den Namen von James Joyce, Ernest Hemingway und anderen Literaturgrößen verbunden ist. Doch wie viele von ihnen wissen wohl, dass weder Joyce noch Hemingway jemals hier waren? Denn diese Buchhandlung wurde erst 1951 von George Whitman, einem ehemaligen GI, eröffnet. Ursprünglich hieß sie Mistral, und erst nach dem Tod von Sylvia Beach im Jahr 1962 - deren Buchhandlung Shakespeare and Company nur 15 Gehminuten entfernt in der Rue de l'Odéon lag - erhielt sie den berühmten Namen.

Bevor man sich jedoch über die Unwissenheit der amerikanischen Besucherinnen und Besucher amüsiert: Wer weiß hierzulande, dass Shakespeare and Company auch in der deutschen Kulturgeschichte einen festen Platz hat beziehungsweise haben sollte? Dass man im Viertel um sie herum dem deutschen literarischen Exil - und der deutschen Besatzung - auf Schritt und Tritt begegnen kann? Wer solche "Verabredungen in der Vergangenheit" (W. G. Sebald) bei künftigen Parisaufenthalten nicht verpassen möchte, kann nun drei neue Bücher konsultieren.

Nach Das Schloss der Schriftsteller über die Nürnberger Prozesse aus Literatensicht springt Uwe Neumahr nun nach Paris und sechs Jahre zurück. "Die Buchhandlung der Exilanten" zeigt auf dem Cover Shakespeare and Company (das Original) inklusive Hemingway ganz rechts mit bandagiertem Kopf. Das Bild ist allerdings leicht irreführend, denn die Kundschaft beziehungsweise Mitgliedschaft von Shakespeare and Company bestand vor allem aus dem, was man heute als Expats bezeichnen würde - Menschen wie Joyce oder Hemingway, die jederzeit in ihre Herkunftsländer zurückkehren konnten. Die Exilanten, denen eine Rückkehr unmöglich war, frequentierten primär die Maison des Amis des Livres auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Buchhandlung der Exilanten ist also nicht nur eine, sondern es sind zwei, die nicht bloß benachbart, sondern, wie ihre Inhaberinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach, eng miteinander verbunden waren. Diese Verbindungen sowie jene in die französische und deutsche Kulturszene sind der Gegenstand des Buchs.

Neumahr ist nicht der Erste, der sich diesem Thema widmet. Im Nachwort dankt er Laure Murat, deren Studie Passage de l'Odéon von 2003 grundlegend für ihn war [1]. Zugleich geht er über ihre Arbeit hinaus: Zwar erwähnt Murat Gisela - später Gisèle - Freund, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, doch sie spielten bei ihr eher Nebenrollen. Zudem konzentrierte sie sich weitgehend auf die Zeit vor der deutschen Besatzung 1940, während Neumahr betont, dass mit dieser ein "weiterer, 'heroischer' Abschnitt im Leben der beiden Buchhändlerinnen" (10) begann. Tatsächlich hat Adrienne Monnier mit ihren weitreichenden Netzwerken entscheidend dazu beigetragen, vielen Exilierten das Leben zu retten - auch unter Einsatz ihres eigenen. Deshalb bedauert Neumahr am Ende seines Buchs, dass sie nie als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet wurde und lange weitgehend vergessen war.

Nach einem Vorspiel im Jahr 1942 setzt der erste von drei Teilen des Buchs damit ein, dass Sylvia Beach 1917 zufällig in den Laden von Adrienne Monnier spaziert. La Maison des Amis des Livres existierte zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren und war fest etabliert, nicht nur als Buchhandlung, sondern auch als Leihbücherei, literarischer Salon und kulturelles Zentrum. Hier verkehrten bereits berühmte Schriftsteller wie André Gide und Paul Valéry, die jungen Wilden des Surrealismus Louis Aragon und André Breton, der Komponist Erik Satie und, später, Existentialisten wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.

Inspiriert davon eröffnete Sylvia Beach, die zum Studium aus den USA nach Paris gekommen war, 1919 Shakespeare and Company, die dasselbe für die amerikanische Literaturszene von Paris leisten sollte, zuerst in der Rue Dupuytren, ehe sie 1921 schräg gegenüber von La Maison des Amis des Livres in die Rue de l'Odéon 12 umzog.

Im Zentrum des zweiten Teils des Buchs stehen die deutsch-jüdischen Exilierten, ihre Flucht nach Paris, ihre Kontakte zu französischen Intellektuellen und ihre Internierung. Der dritte Teil behandelt die deutsche Besatzung, gelungene und gescheiterte Fluchtversuche, neue Internierungen - und häufig auch Deportation und Ermordung.

Die drei Teile sind miteinander verwoben, da Neumahr die Geschichte in zwei Handlungssträngen erzählt, die auf zwei Zeitebenen angesiedelt sind: der erste in den 1920er Jahren, der zweite nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich 1940. Diese Stränge sind, wie er schreibt, "im Reißverschlussverfahren" (11) miteinander verbunden. Er begründet dies mit der Notwendigkeit, die Vorgeschichte mitzuerzählen. Unklar bleibt, warum er diese nicht an den Anfang des Buchs gesetzt hat. Denn anstatt Dramatik herzustellen, unterbrechen die ständigen Sprünge den Lesefluss und führen mitunter zu Verwirrung. Nur bedingt besser gelöst ist das im dritten Teil, der die beiden Stränge zusammenführt, zusätzlich zu den bereits eingeführten Personen aber in fast jedem Kapitel neue vorstellt.

Das Buch endet mit der Befreiung der Maison des Amis des Livres durch Hemingway im August 1944, wobei Neumahr hier die Pointe ein Stück weit verschenkt, da er die beiden Versionen dieses Ereignisses - die heroische Hemingways und die bodenständigere Monniers - nicht miteinander verzahnt. Ein Epilog, "Wie es weiterging", fasst schließlich das weitere Schicksal seiner Protagonistinnen und Protagonisten zusammen.

Wie vom neuen zum ersten Standort von Shakespeare and Company sind es von hier zum Hôtel Lutétia an der Kreuzung von Boulevard Raspail und Rue de Sèvres nur 15 Minuten zu Fuß. Es ist Schauplatz und Gegenstand des zweiten Buchs: Hotel Exile: Paris in the Shadow of War der britischen Schriftstellerin Jane Rogoyska, die sich ebenfalls mit dem literarischen Exil in Paris beschäftigt. 1910 von den Besitzern des schräg gegenüberliegenden Le Bon Marché, des ersten Warenhauses von Paris, am Boulevard Raspail erbaut, war das Hôtel Lutétia lange das einzige Grandhotel auf der Rive Gauche.

Auch Hotel Exile besteht aus drei Teilen, von denen der erste die Zeit von 1933 bis 1939, der zweite die Besatzungszeit bis zur Befreiung und der dritte die unmittelbare Nachkriegszeit behandelt. Rogoyska setzt also später ein als Neumahr: mit der Flucht von Freund, Seghers, Benjamin und vielen anderen vor den Nazis nach Paris. Mit Ausnahme von Heinrich Mann konnte es sich allerdings niemand von ihnen leisten, im Hôtel Lutétia abzusteigen. Die meisten Exilanten lebten stattdessen in günstigen und wenig komfortablen Pensionen und Hotels zwischen Quartier Latin und Montparnasse.

Im ersten Teil des Buchs ist das Hotel weniger Wohnort als Treffpunkt. Hier kam seit 1935 der nach ihm benannte Lutetia-Kreis zusammen, der unter der Führung von Heinrich Mann eine parteiübergreifende deutsche Volksfrontbewegung ins Leben rufen wollte. Zu diesem Zweck fanden hier 1936 und 1937 große Konferenzen statt. Das Bemühen scheiterte jedoch an der unversöhnlichen Haltung zwischen einer von Moskau ferngesteuerten KPD und einer SPD, die dieser nach den Schauprozessen noch weniger als zuvor über den Weg traute. Bei Rogoyska nimmt diese Episode allerdings gerade einmal zehn Seiten ein, der größte Teil ihrer Geschichte spielt abseits des Lutetia.

Der zweite Teil von Hotel Exile setzt mit dem sogenannten Sitzkrieg 1939 ein und behandelt die Zeit der deutschen Besatzung. Wie andere Grandhotels der Stadt beschlagnahmte die Wehrmacht auch das Lutetia, das der Abwehr als französisches Hauptquartier diente. Deren Angehörige, allen voran Oberst Friedrich Rudolph, der Leiter der Dienststelle, und Oberst Oscar Reile, zuständig für die Bekämpfung der Résistance, arbeiteten, schliefen und speisten hier in großem Luxus, während im Keller Menschen gefoltert wurden und die Pariser Bevölkerung zunehmend unter Nahrungs- und Treibstoffknappheit litt. Parallel zu diesem Strang verfolgt Rogoyska das weitere Schicksal der Exilierten, die vor den heranrückenden Truppen nach Vichy-Frankreich flohen, von wo sie in die USA zu entkommen suchten.

Der dritte, weitaus kürzere Teil des Buchs behandelt die Zeit unmittelbar nach der Befreiung von Paris, in der das Lutetia als Ankunftsort für die Überlebenden der Konzentrationslager diente - primär aus Mangel an anderen geeigneten Quartieren, aber auch um es von seiner NS-Vergangenheit zu reinigen.

Während jeder der drei Teile für sich genommen interessant ist, wollen sie sich nicht recht zu einem überzeugenden Ganzen zusammenfügen. Dafür sind die Personenkonstellationen zu unterschiedlich, bleibt der Ort der Handlung zu sehr im Hintergrund. Schon im Prolog verweist Rogoyska auf die Aussage eines ehemaligen Concierge, der das Hotel nicht als Akteur, sondern als Bühne beschreibt, auf der sich Dramen abspielen. Doch selbst als Bühne bleibt das Hotel - ähnlich wie bereits in Willi Japsers Buch Hotel Lutetia - erstaunlich blass [2]. So hätte man sich etwa gewünscht, mehr darüber zu erfahren, wie das Personal, das sich über die politischen Brüche hinweg kaum verändert zu haben scheint, diese wahrnahm. Oder wie man sich die Räumlichkeiten des Hotels und das Leben darin konkret vorzustellen hat.

In Marseille 1940, dem dritten hier zu besprechenden Buch, knüpft Uwe Wittstock an seinen Bestseller Februar 1933 an. Behandelte er dort die Flucht von Schriftstellern aus Deutschland nach dem Reichstagsbrand, widmet er sich hier ihrer weiteren Flucht vor den deutschen Verfolgern nach der Eroberung Frankreichs 1940. Marseille 1940 ergänzt daher ideal Die Buchhandlung der Exilanten und Hotel Exile, da es ausführlich schildert, was diese nur knapp skizzieren.

Im Mittelpunkt steht das in Marseille ansässige europäische Büro des Emergency Rescue Committees unter der Leitung von Varian Fry - auch das eine Geschichte, die hier nicht zum ersten Mal erzählt wird [3]. Dessen Mission bestand darin, möglichst viele bedrohte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Künstlerinnen und Künstler oder Intellektuelle aus Europa in die USA zu bringen. Figuren wie Hannah Arendt, André Breton, Heinrich Mann, Anna Seghers und Walter Benjamin, die bereits bei Wittstock und Rogoyska eine Rolle spielen, sind auch hier zentral. Ergänzt werden sie durch weitere Persönlichkeiten wie Lion und Marta Feuchtwanger, Walter Mehring und Franz und Alma Mahler-Werfel, die Neumahr und Rogoyska nur am Rande erwähnen. Umgekehrt fehlen hier jedoch wieder andere wie etwa Gisela Freund.

Ehe er mit dem Einmarsch der Deutschen einsetzt, stellt Wittstock seine Protagonistinnen und Protagonisten in der Form von vier im Jahr 1935 angesiedelten "Vorgeschichten" vor. Der Auftakt: Varian Fry wird in Berlin Zeuge des als "Kurfürstendamm-Krawall" bekannten antisemitischen Pogroms, ein Erlebnis, das seine spätere Haltung gegenüber dem NS-Regime und seine Motivation für seine Arbeit als Fluchthelfer begründete.

Die folgenden Kapitel sind jeweils mit einem Ort und einem Datum betitelt und springen zwischen verschiedenen Personen und Handlungssträngen: So wechselt die Handlung etwa im Mai 1940 von Sanary-sur-Mer, der "Hauptstadt der deutschen Exilliteratur" (Ludwig Marcuse), nach London, Paris, New York, in die Internierungslager Les Milles und Gurs und wieder zurück nach Paris. Auf diese Weise spannt sich im ersten Drittel des Buchs ein Netz über ganz Frankreich - überall dorthin, wo deutsche Exilierte auf der Flucht sind, warten, festsitzen. Die letzten zwei Drittel des Buchs spielen dann schwerpunktmäßig in Marseille und in den Pyrenäen. Trotz derart vieler Stränge verliert man beim Lesen nie den Faden. Wie bei einer perfekt kalibrierten, gut geölten Maschine greift in Wittstocks Erzählung Zahnrad in Zahnrad und selbst wenn man längst weiß, für wen es wie ausgeht, fiebert man mit, als läse man die Geschichte zum ersten Mal - das ist große historische Erzählkunst.

Und das Erzählerische ist wichtig für die Bewertung dieser Bücher, denn grundlegend neue Erkenntnisse bieten sie nicht: Die Geschichte von Flucht und Exil ist im Großen und Ganzen bekannt und sogar längst in der Populärkultur angekommen, wie die leider missglückte Netflix-Serie Transatlantic (2023) zeigt, die auf Julie Orringers nicht viel besserem Roman The Flight Portfolio (2019) basiert. Doch um neue Erkenntnisse geht es hier auch gar nicht. Denn es handelt sich nicht um geschichtswissenschaftliche Werke, die mit neuen Thesen oder Archivfunden innovative Interpretationen vorlegen wollen. Vielmehr richten sie sich als populäre Geschichtsschreibung an das berühmte interessierte Publikum. Daher ist das Formale entscheidender als bei akademischen Büchern, die sich um solche Aspekte oft zu wenig kümmern. Wer sich nicht für den Inhalt interessiert, kann hier immerhin lernen, wie sich anspruchsvoll historisch erzählen lässt.

Vergleicht man die drei Bücher, lassen sich einige gemeinsame Erzählstrategien erkennen. Alle drei arbeiten mit sehr kurzen Kapiteln, die selten länger als drei Seiten sind. Neumahr und Rogoyska nutzen beide einen Ort - die Buchhandlung beziehungsweise das Hotel - als erzählerischen Anker, was im ersten Fall jedoch besser aufgeht als im zweiten. Während Neumahr im Präteritum schreibt und mit parallelen Zeitsträngen operiert, erzählen Rogoyska und Wittstock im Präsens mit einer strikt chronologischen Struktur, was einen starken Lesesog zur Folge hat. Alle drei Bücher erzählen die Geschichte über Personen, wenn auch auf leicht unterschiedliche Weise. Das lässt sich beispielhaft daran zeigen, wie sie jeweils den ersten Auftritt von Walter Benjamin beschreiben. Neumahr: "Schon am übernächsten Tag um vier Uhr nachmittags empfing Adrienne Walter Benjamin im 'Haus der Bücherfreunde', nachdem sie ihm ihren Klarnamen mitgeteilt hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben stand sie einem deutschen Juden gegenüber." (107) Rogoyska: "And it is here, among the book stacks and the index cards, that Gisèle spots one of Germany's most unique and eccentric scholars, that rare, shy creature, Walter Benjamin. [...] Walter Benjamin loves Paris, has loved Paris ever since he first became entranced by its cafés and arcades, its broad boulevards lined with houses." (39) Wittstock: "Und noch einen anderen Mann lernte sie [Hannah Arendt] hier kennen, der für sie ein guter Freund geworden ist: den Literaturkritiker und Philosophen Walter Benjamin. Er schlägt sich rührend unbeholfen durchs Leben, schreibt aber unvergleichlich feinsinnige, poetische Essays." (43)

Bei allen drei Autorinnen und Autoren lernen wir Walter Benjamin aus der Perspektive einer Frau kennen, doch im Detail zeigen sich Unterschiede in der Darstellung. Neumahr beschränkt sich auf die nüchternen Fakten der Begegnung. Dies geht einher mit einer Vorliebe für allgemeine Aussagen. Wenn er schreibt: "Was Sylvia Beach vor allem liebte, war die französische Kultur" (18), fragt man sich, woran sich diese Vorliebe konkret festmachen lässt. Wenn er ein Zigarettenetui erwähnt, "in das eine persönliche Widmung eingraviert war" (19), möchte man wissen, welche. Und wenn er behauptet, Beach habe an Monnier vor allem "ihren Pioniergeist und ihren Mut zur Grenzüberschreitung" (20) geschätzt, wüsste man gerne, wie sich dieser äußerte. Ähnliche Fragen stellen sich bei Rogoyska: Woher weiß Freund zu diesem Zeitpunkt, dass Benjamin Paris liebt? An anderen Stellen wiederum blickt sie ihren Protagonistinnen und Protagonisten tiefer in die Köpfe, als die Quellen es zulassen. Wittstock schließlich bewegt sich zwischen diesen Polen. Wie Rogoyska charakterisiert er seine Figuren über ihr Äußeres, beschreibt ihr Verhalten. Doch anders als sie versucht er nicht, sich in sie hineinzuversetzen, sondern bleibt eng an den Quellen.

Damit zu den Quellen selbst: Neumahr hat ein paar neue Funde in den Archiven gemacht, Rogoyska verweist in ihrer Bibliografie auf zwölf Archive, in den Anmerkungen finden sich hingen nur sieben spärliche archivalische Quellen; Wittstock schließlich stützt sich ausschließlich auf publizierte Literatur. Das reicht jedoch völlig, denn die Fülle an Ego-Dokumenten aus dieser Zeit ist überwältigend: Neben Dutzenden Autobiografien (etwa von Beach, Freund, Fry, Golo und Heinrich Mann, Mahler-Werfel und Monnier) gibt es Erinnerungen an einzelne Persönlichkeiten (wie Hannah Arendts Berichte über Walter Benjamin, Marta Feuchtwangers Biografie von Lion Feuchtwanger oder Pierre Radványis Erinnerungen an seine Mutter Anna Seghers), dazu Briefwechsel und Tagebücher. Diese Quellen ermöglichen es, den historischen Figuren und ihrer Wahrnehmung von Flucht und Exil sehr nahe zu kommen und eine dichte Erzählung zu weben, die sich romanhaft liest und dennoch nie den Boden des Belegbaren verlässt (wie vertrauenswürdig die Erinnerungen sind, ist wieder eine andere Frage).

Etwas zu kurz kommt in allen drei Büchern der Grund, weshalb wir von den vielen vor den Nazis Geflohenen ausgerechnet diese Menschen heute erinnern: ihre Literatur. So erzählt Rogoyska zwar die Geschichte, wie eine Nachbarin Anna Seghers' letztes bei ihr verbliebenes Manuskript von Das siebte Kreuz vernichtet, um sie zu schützen. Doch erfahren wir nicht einmal, worum es in dem Roman, neben Seghers' Transit das wichtigste Werk der Exilliteratur, überhaupt geht. Wittstock gibt dieselbe Anekdote wieder, fügt aber wenigstens eine kurze Zusammenfassung des Romans hinzu. Neumahr geht als Literaturwissenschaftler am ausführlichsten auf die literarische Produktion ein. Dennoch hätte man sich gewünscht, noch mehr darüber zu erfahren, wie Leben und Werk - sei es autobiografisch oder autofiktional - ineinandergreifen.

So lesbar die Bücher sind - leicht ist die Lektüre nicht. Für jede Person, die entkommt, sterben viele andere durch Folter, Erschießungen oder in den Gaskammern. "Die Geschichte einer Massenflucht von acht bis zehn Millionen Menschen ist größer als jedes Buch, das von ihr erzählt", schreibt Wittstock in seinem Nachwort. "Wer davon erzählen will, muss sich auf das Beispiel Einzelner beschränken. Doch das verfälscht das historische Bild. Neben jeder Person, die in diesem Buch erwähnt wird, standen Hunderte oder Tausende andere, die das gleiche Recht hätten, in Erinnerung gebracht zu werden" (335). Auch an sie erinnern diese Bücher.

Dass sie - und noch weitere Werke zu Flucht und Exil - gerade jetzt erscheinen, bedarf kaum einer Erklärung [4]. Sind nicht auch heute unzählige Menschen auf der Flucht vor Unterdrückung und Verfolgung? Leben nicht viele Geflüchtete und Exilierte mitten unter uns und erfahren Demütigungen? Werden nicht Schriften zensiert und Buchhandlungen unter Druck gesetzt? Finden nicht rechtsextreme Parteien Zulauf und hetzen gegen Fremde? Alle drei Bücher helfen uns, Ausgrenzung, Verfolgung und Flucht nachzuempfinden - und sind deshalb nicht nur von historischer, sondern auch von größter aktueller Bedeutung.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Laure Murat: Passage de l'Odéon. Sylvia Beach, Adrienne Monnier et la vie littéraire à Paris dans l'entre-deux-guerres, Paris 2003.

[2] Vgl. Willi Jaspers: Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris, München 1994.

[3] Vgl. etwa Anne Klein: Flüchtlingspolitik und Flüchtlingshilfe 1940-1942. Varian Fry und die Komitees zur Rettung politisch Verfolgter in New York und Marseille, Berlin 2007; Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und Denker. Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen, Wien 2017.

[4] Vgl. etwa Wolfgang Benz: Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933-1945, München 2025; Ursel Braun: Exil im Paradies. Von Marta Feuchtwanger bis Helene Weigel, Berlin 2025; Burcu Dogramaci: Exil London. Metropole, Moderne und künstlerische Emigration, Göttingen 2024; Ursula Krechel: Vom Herzasthma des Exils, Stuttgart 2025; Peter Lange: Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933-1939, Frankfurt a. M. 2025.

Tobias Becker